Amouröses (Geschichten über die Liebe)

Frau Be(ä)cker

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von Joachim Größer (2017)

 

Auch am sechsten Tag trafen sich die Alten im Wintergarten. Die Fenster waren geöffnet. Mailuft, die schon den Sommergeruch in sich trug, erfüllte den Raum. Franz sollte heute erzählen. Und so wurde er bedrängt; doch Franz wehrte sich.

„Freunde, ihr habt wunderschöne Geschichten erzählt. Ich wäre froh, hätte ich nur eine einzige eurer Geschichten wirklich erlebt. Ich war sechsmal verheiratet und …“

„Was? Sechsmal verheiratet! Das wussten wir doch gar nicht!“ Die Männer schauten zum Franz. Der, als schämte er sich für sein „Lotterleben“, winkte leicht errötend ab.

„He Franz, nimmt doch nur die Ehe, die am heißblütigsten war und erzähle!“ Der Kapitän konnte es nicht erwarten, die Geschichte zu hören.

Und Franz: „Meine Geschichte hat eigentlich nur sechs Sätze:

1. Susanne betrog mich am Hochzeitstag mit meinem besten Freund!

2. Heidemarie verließ mich in der dritten Woche wegen ‚seelischer Grausamkeit‘; ich wollte ihr nicht die teuren Schuhe kaufen, die sie unbedingt haben wollte.

3. Gerlinde entfloh mit meinem neuen Auto mit ihrem 10 Jahre jüngeren Geliebten ins Ausland.

 4. Marlies entpuppte sich als lesbisch, und sie konnte es nicht ertragen, dass sie mit mir Sex haben sollte, denn sie wollte doch eigentlich nur mein Geld.

5. Melanie war sexsüchtig und ich konnte sie wirklich nicht befriedigend – also Scheidung. Und 6.! Isolde kannte ich nur 8 Tage, als sie mich zur Heirat drängte! Sie gebar kurz nach der Hochzeit einen Sohn. Eine Frühgeburt, eine sehr, sehr frühe Frühgeburt. Ich zahlte bis zur Volljährigkeit meines angeblichen Sohnes. Die Scheidung vollzog ich bereits nach einem Jahr.“

Franz schaute in die Männerrunde. „Nun sagt selbst, war das ein erfülltes Liebesleben? Sechsmal probiert und sechsmal ‚auf die Nase gefallen‘! Ich habe immer die falsche Frau geheiratet! Also sprach ich nach der 6. Scheidung zu mir: ‚Franz – du heiratest nie mehr. Und wenn dir die Frau noch so sehr gefällt, du heiratest nicht!‘ Und das habe ich eingehalten – mit dem Ergebnis, dass die Schönen, die ich umworben und erobert hatte, mich wieder verließen. Sie wollten das, was ich nicht mehr wollte: Heiraten!“

„Ach Franz“, bemerkte der Ökonom sehr ernst, „du hattest wirklich Pech mit der Wahl deiner Frauen ...“

In diesem Augenblick schwenkte Frau Doktor in den Gang zum Wintergarten ein.

„Frau Doktor! Frau Doktor!“, schrie der Ökonom. Und Frau Doktor beendete ihren forschen Gang im Wintergarten. „Nanu, heute schon fertig mit den Liebesgeschichten?“

„Der Franz hatte sechsmal die falsche Frau geheiratet. Wie sehen die Frauen das? Welcher Mann ist der richtige und welcher der falsche? Was sagt die Psychologie dazu?!“

„Ja, das ist interessant“, meinte der Doktor, „wenn ich an Xianmu und Mechthild denke … warum wollten sie mich; beide wollten mich?“

Und auch der Kapitän meinte: „Ein sehr interessantes Thema. Wenn ich an die sechs Schönen in meinem Paradies denke?! Und alle wollten mich!!!“

Frau Doktor nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu der Männerrunde. „Die Psychologie lassen wir mal beiseite. Ich erzähle euch meine Ehegeschichte. Die gibt bereits die Antwort!“

 

Ich studierte Medizin, war im 2. Studienjahr, als ich mich unsterblich in einen Studenten verliebte, der bereits seinen Facharzt machte. Ich habe ihn angehimmelt, habe mir ausgemalt, wie das Leben an seiner Seite sein würde, wollte Kinder mit ihm und natürlich von ihm. All meine Träume habe ich ihm in heißen Bettnächten mitgeteilt. Ich dachte, er denkt genauso wie ich über unsere gemeinsame Zukunft.

Doch da lag ich verkehrt. Mit seinem Facharzt in der Tasche verschwand er aus meinem Leben und ich hörte dann nur, er hätte eine hübsche Sprechstundenhilfe als Geliebte.

Ich war am Boden zerstört und als sich die Möglichkeit ergab, belegte ich die Psychologie als mein Hauptfach. Ich wollte die menschliche hässliche Mannesseele ergründen. Ich schaute drei Jahre keinen Mann mehr an. Allerdings war dieses Leben sehr einsam, um nicht zu sagen traurig. Einen Ausweg aus meiner Einsamkeit könnte ein Kind sein. Das sagte ich mir! Ja – ich wollte immer schon Kinder! Woher den Vater nehmen?! Ich hielt Ausschau, suchte einen Mann, der mir verlässlich vorkam, er durfte auch nicht zu hässlich sein, schließlich wollte ich ein hübsches Baby haben. Ich suchte lange, schloss zuerst all Ärzte, die noch Junggesellen waren, aus und suchte dann nach Männern außerhalb der ärztlichen Zone.

Fündig wurde ich in einem Café. Mir gegenüber setzte sich ein Mann, ich schätze mein Alter, und er benahm sich sehr höflich und sehr aufmerksam. Das gefiel mir. Ich „studierte“ seine Gesichtszüge, schielte nach einem möglichen Verlobungs- oder Ehering, und als er mich nach dem 2. Stück Kuchen und der dritten Tasse Kaffee fragte, ob wir uns nicht wiedersehen könnten, sagte ich kurzerhand: „Aber sehr gern!“

Wir gingen aus, wir tanzten, wir gingen ins Kino und es kam der Abend, an dem er mit in meine Wohnung kommen wollte. Ich hatte ihn wirklich gern. Ein gutes Zeichen, ein richtig gutes Omen war, er hieß Arnold Bäcker – Bäcker mit „ä“! Ich hieß Anne Becker – Becker mit „e“!

Er kam mit zu mir. Doch bevor er mich haben konnte, erklärte ich ihm, dass ich furchtbar enttäuscht von den Männern sei und ich mit ihm nur ins Bett gehe, um ein Kind zu zeugen! Ein Kind wollte ich von ihm! Er schaute mich mit großen Augen an. Ich entkleidete mich und erwartete ihn im Bett. Er kam – es war ein grauenhafter Sex!

Der Abschied war kühl und ich erwartete, ihn nie mehr zu sehen. Doch nach 8 Tagen stand er mit einem Rosenstrauß vor meiner Tür und begehrte Einlass. Höflich fragte er, ob er denn schon zur Mutterschaft gratulieren könnte, und als ich ihn mit großen Augen ansah, meinte er, dass das eigentlich nicht sein könnte, denn seine Spermien seien sehr langsam bei solchem miesen Sex. Er war der Ansicht, wir sollten es noch einmal probieren. Und da zauberte er eine Flasche Wein auf den Tisch, betörte mich mit seinem einnehmenden Lächeln, sodass ich dahin schmolz. Der Sex war zauberhaft. Aber er meinte, es könnte noch schöner sein und wir verabredeten uns bereits für den nächsten Abend. Wir übten fleißig und ich konnte ohne ihn nicht sein. Dann erklärte ich: „Arnold, ich war beim Gynäkologen! Er hat meine Schwangerschaft bestätigt.“ Und dann sagte ich noch etwas, was ich sofort bereute: „Es war schön mit dir! Adieu! Das Kind kriege ich alleine groß!“

Er hatte sehr traurige Augen. Viel fehlte nicht und er hätte geweint. Ich war ja so grausam und gefühlslos – ich hasste mich in diesem Augenblick. Er ging ohne ein Wort des Abschieds und ich erwartete, ihn nie mehr zu sehen.

Drei Wochen vor dem Entbindungstermin suchte ich mein Café auf. Und das Schicksal gab mir einen Wink: An einem kleinen Tisch für zwei Personen saß Arnold Bäcker – Bäcker mit „ä“! Höflich fragte ich, ob ich mich zu ihm setzen könnte. Er sprang auf, errötete vor Freude und benahm sich, wie ein Ehemann, der Sorge um seine schwangere Frau hat. Das ganze Gespräch drehte sich nur um das Kind – mein Kind – sein Kind – unser Kind! Und dann verlangte er, dass er als Vater das Recht hätte, bei der Geburt seines Sohnes anwesend zu sein. Und er redete so lange, bis ich ihm zusagte, ihn rechtzeitig anzurufen.

Ich hielt mein Versprechen und er kam ins Krankenhaus, nahm meine Hand und versprach, dass ich einen wunderschönen Sohn haben werde. Ich musste widersprechen, einfach nur so: „Ich will aber eine Tochter!“ Und er: „Gut, das nächste Baby wird ein wunderschönes Mädchen sein. Es wird deine Augen, deine Haare und deine Intelligenz haben. Versprochen!“

Was sollte ich darauf antworten? Ich konnte nicht mehr antworten, denn die Wehen zeigten an: Jetzt will ein Baby auf die Welt kommen!

Zwei Stunden später hielt Arnold Bäcker seinen Sohn in den Armen. Er fühlte sich scheinbar sauwohl in dieser Rolle. Er benahm sich so, wie ich mir immer meinen Ehemann vorgestellt habe. Doch sein Glück währte nicht lange. Eine resolute Oberschwester schob ihn zur Tür hinaus. „Ich komme morgen wieder!“, rief er mir noch zu.

Jetzt kam etwas sehr Peinliches, verlangte doch die Oberschwester Angaben. Dass ich nicht verheiratete war, akzeptierte sie mit einem Augenaufschlag. Aber als ich das Geburtsdatum des Vaters angeben sollte, geriet ich in Erklärungsnot. Ich wollte doch immer nur ein Kind von ihm. Alter, Beruf, Wohnung – all das hat mich nie interessiert! Mein Stottern war an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Erlöst wurde ich von einer Schwesterschülerin, die der Oberschwester sagte, dass der Herr Bäcker ihr bereits alle Angaben gegeben habe. Und sie bat mich, die Angaben zu vergleichen, denn ihr sei aufgefallen, dass er Bäcker mit „ä“ hieß und ich Becker mit „e“ schreibe!

Und ich las und hämmerte mir sein Geburtsdatum ein, seine Wohnanschrift und seinen Beruf. Jetzt wusste ich, er war ein Jahr älter als ich, war Kriminalkommissar und wohnte nur drei Straßen weiter.

Es ist eine wunderschöne Zeit, nach der Geburt ein Kind zu umsorgen. Arnold war jede freie Minute bei mir. Er gab seinem Sohn Raik das Fläschchen, rührte den Brei, säuberte den Po seines Sohnes und wusch die Wäsche. Was für ein perfekter und liebevoller Ehemann – nur nicht mein Ehemann. Ich kann noch nicht einmal Lebenspartner sagen, denn Arnold wohnte immer noch drei Straßen weiter. Und nie fiel das Wort Heirat. Ich glaube, er zögerte, mir einen Antrag zu machen, da er glauben musste, eine erneute schmerzhafte Abfuhr zu erhalten.

Unser Söhnchen geriet prächtig. Er lernte Mama und Papa sagen und Arnold behauptete sogar, sein Sohn hätte zuerst „Papa!“ gesagt. Verdient hätte er es.

So nebenbei führten wir ein gesundes Liebesleben, wobei er sein Bett zum Schlafen nutzte!

Das zweite Kind kündete sich an und Sohn Raik wurde auf sein kleines Schwesterchen vorbereitet. Raik besuchte bereits die Kinderkrippe und da merkte er, dass bei den anderen Kindern etwas anders war, als bei uns. „Papa“, fragte er, „warum gehst du immer abends weg. Mama liegt immer allein im Bett.“

Arnold Bäcker suchte Augenkontakt mit Anne Becker und gab dann Sohn Raik die Antwort: „Wünscht du dir, dass Papa hier wohnt?“

Raik nickte sehr heftig und umschlang seine kleinen Arme um Papas Hals. Papa war sichtlich gerührt, Mama tief erschüttert und sagte dann gewichtige Worte: „Raik, wir suchen eine größere Wohnung und dann wohnt Papa immer bei uns!“

Und Raik umarmte Papa und Mama, und er war der glücklichste Raik, den man sich denken konnte.

Unsere neue Wohnung hatte zwei Kinderzimmer – eins für Raik und das andere war für Caroline bestimmt. Denn nach Meinung meines Liebhabers wird das zweite Kind ein Mädchen.

An der Tür konnte jedermann auf dem Türschild lesen, dass hier A. Becker und A. Bäcker wohnen.

Und Caroline kam auf die Welt und keine zwei Jahre später erblickten die Zwillinge, Sven und Hagen, das Licht dieser Welt. Arnold war glücklich, war vernarrt in seine Lieblinge und ich hatte einen Ehemann, so wie ich ihn mir immer gewünscht habe – nur dass er keiner war.

In all den Jahren wurde nie über eine Ehe gesprochen. Unsere Kinder wuchsen prächtig, machten uns viel Freude und wenig Ärger. Arnold war ein prächtiger Pädagoge, besser als ich mit meinem Psychologiestudium.

Und dann kam unsere „Silberhochzeit“. So nannten wir den Tag, an dem wir uns zum ersten Mal im Café gesehen hatten. 25 Jahre lebten wir in „wilder Ehe“ – so nannte man das damals doch. Das Geschenk für unsere „Silberhochzeit“ übergab uns Raik auch im Namen seiner Geschwister. „Mama, Papa in acht Tagen heiratet ihr! Der Termin ist beim Standesamt angemeldet. Und merkt euch, wir haben es satt, immerzu zu erklären, warum Mama ‚Becker‘ heißt und Papa ‚Bäcker‘. Und solltet ihr euch weigern zu heiraten, versprechen wir euch, dass ihr keine Enkel zum Verwöhnen bekommt. Caroline, Sven, Hagen – das stimmt doch!?“

„Beschlossen! Ohne Heirat keine Enkel!“

Raik strahlte uns an. „Und das ist übrigens ein Grund, euch mitzuteilen, dass meine Sophie schwanger ist.“

Anne Becker und Arnold Bäcker strahlten. „Oma Anne!“ Mein noch Nichtehemann umarmte mich mit Tränen in den Augen.

Natürlich heirateten wir. Ich hatte einen Ehemann, wie ich ihn mir immer gewünscht habe! Und jetzt wollte ich als Frau Becker mit meinem Arnold Becker, Becker mit „e“, alt werden.

 

„So meine Herren, das war meine Lebensbeichte!“ Frau Doktor schaute zu den Männern „Ich habe den richtigen Mann gefunden. Ehrlich muss ich aber gestehen, wäre mein Arnold nicht so verständnisvoll und so hartnäckig gewesen, ich wüsste nicht, wie mein Leben verlaufen wäre. Ich habe diesem Mann alles zu verdanken, was es Schönes im Leben geben kann.

Frau Doktor wandte sich ab, versteckte ihre Tränen, um dann forsch in die Hände zu klatschen: „Mädchen, die Herren möchten in ihre Zimmer!“  

Und die Herren wackelten auf ihren alten Beinen davon.