Kleine (nicht ernst zu nehmende) Begriffsklärung zum Thema „Ossi-Wessi“

von Joachim Größer (2013)

 

Lang ist es her, sehr lang - als es noch Ossis und Wessis gab! Was? Was meinen Sie? Die gibt es noch heute? Wirklich?! Nach mehr als 20 Jahren Wiedervereinigung?! Na, dann schauen wir mal:

Wer war eigentlich ein Ossi? Also – das war ein fast liebevoller Ausdruck eines westdeutschen Bundesbürgers für den Ex-DDR-Bürger. Zur Zeit des Bestehens der DDR wurde auch gern der Ausdruck „die lieben Brüder und Schwestern“ und „da drüben in der Ostzone“ (gemeint war die DDR) gebraucht.

Als dann die Mauer gefallen war und Ost und West sich ausreichend beschnuppert hatten, vergaß man die lieben Brüder und Schwestern. Es bildete sich ein neuer Begriff heraus – der Jammerossi war geboren. Typische Aussagen eines Jammerossis:

-       „Ich habe meine Arbeit verloren! Ich finde keine neue!“

-       „Jetzt suche ich mir einen Job in Österreich und komme 1 x im Monat zu meiner Familie und muss noch glücklich sein, wenn ich eine Arbeit finde.“

-       „Meine Hochschulabschlüsse werden im Westen nicht anerkannt. Bin ich denn dümmer als die?!“

-       „Ich kann mein Haus nicht mehr abbezahlen! Die Zinsen sind höher als mein Vorruhegeld! Ich bin mit 55 arbeitslos und keiner will mich! Die Bank übernimmt mein Haus!“

-       „Meine Rente ist 12 % niedriger als die Westrente! Und ich hab doch auch mein Leben lang gearbeitet.“

Die Liste könnte noch viel länger sein, aber – das will doch keiner hören! Erst recht nicht ein Wessi-Politiker. (Wir sind doch „… ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen noch Gefahr.“ *1)

Der typische Westdeutsche, vom Ossi auch zuerst liebevoll als Wessi bezeichnet, mochte den Jammerossi nicht. Er beklagte dies nicht nur in der Regenbogenpresse, nein auch würdevolle Abgeordnete im Land und im Bund rückten dem Ossi den Kopf zurecht. Und eine erfahrene West-Politik-Dame brachte es auf den Punkt, als sie so richtig bemerkte, dass ja der Ossi sich selbst dieses System in den Umbruchjahren 1989/90 gewählt habe. (Deutsches Sprichwort: „Nur die allergrößten Kälber wählen sich den Metzger selber.“)

Tcha – was wollte eigentlich der Ossi? Antwort: viel Westmark für seine unkündbare Arbeit!

„Ha, ha, ha!“, lacht da der Wessi. „Wo leben wir denn, das gibt es doch nicht in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem!“

Und so belehrte der Wessi den Ossi und der Ossi sprach nun vom Besserwessi. Und diese Besserwessis überfluteten bald das ganze Ossi-Land. Waren diese doch staatlich berufen, dem Ossi die Marktwirtschaft beizubringen. Und weil ein Wessi seine Wohnung in dem (nun so heißenden) Alt-Bundesland für 4 oder 5 Tage in der Woche „aufgab“, um dem Ossi in den (nun so heißenden) neuen Bundesländern die Gesetze beizubringen oder um die Ex-DDR-Industrie aufzulösen, erhielt er eine Buschzulage mehr Geld für die gleiche Arbeit. Schließlich kam er sich doch wie in Sibirien vor, nur dass die Ossis zum Glück (meistens) ein verständliches Deutsch sprachen und nicht russisch.

Und das war harte Arbeit! Musste doch zum Beispiel die (sogenannte) Treuhand ein ganzes Land „abwickeln“. Für 1 Mark – Westmark wohlgemerkt! – bekam man ein Schloss oder eine Fabrik oder ein Gut oder … Na ja, wie gesagt … ein ganzes Land! Der Wessi kannte ja so etwas – vom Geschäft um die Ecke oder von seinem insolventen Betrieb. Denn dann hieß es im Wessi-Land: „Ausverkauf!“ oder „Wir schließen!“ oder „Wir bauen um!“ Und so wurde die Ex-DDR „umgebaut“ in die neuen Bundesländer.

Es gab aber auch Verständigungsschwierigkeiten. So bemerkte ein hoher, extra angereister West-Politiker, dass diese „Nationale Front“ in einem endlich geeinten Deutschland nichts verloren habe. Mit scharfen Worten wandte er sich gegen diese „Front“ und dass die Militarisierung der Ostzone nun endgültig zu Ende gehe. Peinlich – sprach er doch vor Parteifreunden der (Ost-) CDU und die waren ja gemeinsam mit der LDPD, der NDPD, DBD, dem DFD, dem FDGB, der FDJ, dem Kulturbund, der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe und noch vielen Vereinigungen und Verbänden sowie der SED in der Nationalen Front vereint – ein politisches Trutzbündnis! Genüsslich verwandte jetzt die West-SPD den Begriff „Blockflöten“. Und das hieß nichts anderes, als dass die sogenannten Blockparteien – also CDU, LDPD, NDPD und DBD – in die Westparteien überführt wurden. Da die Ost-SPD sich 1946 mit der KPD zur SED vereinigt hatte, wurde die Ost-SPD in der Noch-DDR neu gegründet und wurde dann aufgenommen in die SPD-West. Und jetzt konnte die SPD dem politischen Gegner vorwerfen, er habe in seinen Reihen lauter „Wendehälse“, denn diese Blockparteien waren allesamt im politischen System der DDR integriert und übten politische Macht aus.

Ein Wendehals ist in der Vogelkunde so charakterisiert: „In vieler Hinsicht ist der Wendehals eine ganz besondere Vogelgestalt unserer Fauna. Seine rindenartige Färbung tarnt ihn ausgezeichnet, sodass er leicht übersehen wird.“*2)

Der Wendehals ruft „wied“ oder „wäd“ und der politische Wendehals wird nicht müde zu betonen, dass er schon immer gegen das SED-Regime war. Und Spötter meinen, dass von den 17 Millionen DDR-Bürgern mindesten 18 Millionen gegen die DDR waren.

So mancher Ossi – vor allem die, die im Westen Arbeit gefunden hatten – vereinten Eigenschaften der Ossis und Wessis. Als Wossi wurden sie „neu geboren“ und waren (oder sind) manchmal Besserwessis oder Jammerossis – wie‘s gebraucht wird. Auf alle Fälle sind sie sehr anpassungsfähig und diese Eigenschaft ist im harten Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze und damit ums Geld sehr, sehr wichtig – um nicht zu sagen: überlebensnotwendig.

Ja, es hat sich viel, sehr viel, manchmal auch viel zu viel für den Ossi geändert. Aber er vertraute auf die Aussage des Herrn Bundeskanzler Kohl: „Keinem wird es schlechter gehen, aber vielen besser!“ Und der Ossi glaubte das, denn wenn in seiner ehemaligen DDR in der Zeitung stand „Die Rente wird erhöht!“ oder „Alle Kinder haben einen Anspruch auf einen Kiga-Platz!“ – dann konnte sich der Ossi drauf verlassen, das kommt, garantiert! Wenn etwas für den Ossi nicht so lief, wie er es gerne hätte – z. B. eine schöne Neubauwohnung mit allem Komfort - dann schrieb er eine Eingabe und drohte: „Ich geh nicht zur Wahl!“ Und siehe da, in 90 % aller Fälle wurde sein Wunsch erfüllt. Und wurde dieser nicht erfüllt, dann schrieb er an Honi und jetzt konnte es geschehen, dass der Kollege/Chef/Bürokrat Ärger bekam, der dem „armen“ Ossi seinen Wunsch nicht erfüllt hatte.

Was?  Sie wissen nicht, wer Honi war. Na – Sie sind wohl kein DDR-Geborener! Honi war die Abkürzung für Erich Honecker, dem Staatsratsvorsitzenden – also für den obersten Chef der DDR.

Die Deutschen haben den Selbstlaut „i“ gern. Fast liebevoll hängen sie das „i“ zur Verniedlichung an die Wörter. Und solche Wörter kennen Sie alle: Klausi, Trabi, Ötzi, Mausi, Schatzi, Mutti …

Bei Mutti muss ich stocken, ist doch Mutti in der aktuellen Politik ein häufig auftretender Namen. Wird doch so – hinter vorgehaltener Hand - die Frau Bundeskanzler(in), eine Ossi-Frau, genannt. Aber nicht die Ossis erfanden den Namen, sondern die westdeutsche CDU-Politik-Männergesellschaft – so sagt die Presse.

Da der Ossi ja im geeinten Deutschland nicht mehr an Honi schreiben kann, wenn ihm etwas missfällt, so könnte er ja an Mutti schreiben. Z. B.: „Frau Bundeskanzler, wann werden endlich die Renten Ost auf Westniveau angeglichen? Versprochen ist versprochen!!! Und das wurde schon vor mehr als 20 Jahren versprochen!“   

Garantiert bekommt er eine Antwort. Und was wird da drin stehen?

„Opa Schulze, Sie haben doch geschrieben und was für eine Antwort …?“

Der Ossi-Opa Schulze winkt ab und geht mit zornig blitzenden Augen von dannen.

Und da erzählen die lieben Muttis und Vatis ihren Kleinen, dass Versprechen immer gehalten werden müssen. Und die Kleinen versprechen, sich zu verbessern und strengen sich in der Schule mächtig an, und bald ist die Mathe-Vier eine Drei. Ja, die Kleinen halten das Versprechen und die Großen?

Bei diesem Beispiel geht es nicht um ein Versprechen, sondern um einen Versprecher – so glaubte jedenfalls, nennen wir sie Frau Diplom-Chemiker Müller, als sie gemeinsam mit ihrem Mann ein neues Bankkonto eröffnen wollte. Ein geschniegelter, gebügelter, gestylter Wessi-Mann begrüßte das Ehepaar Müller äußerst höflich. Und nachdem alles ausgefüllt war, las der junge Bankangestellte vor: „…. auf den Namen Herrn Heinrich Müller und Frau.“

Frau Diplom-Chemiker Müller, Leiterin einer Abteilung mit mehreren Hundert Beschäftigten, stockte. „Junger Mann, mein Name fehlt. Ich heiße auch Müller, Rosemarie Müller!“

Es war kein Versprecher! Frau Diplomchemiker Müller, leitende Angestellte in einem ehemals volkseigenen Betrieb, jetzt Leiterin im neuen westdeutschen Konzern schnappt nach Luft. Sie wagt einen zweiten Einspruch: „Muss da nicht mein voller Namen stehen?“

„Nein, Frau Müller, das ist banktechnisch korrekt. Das Konto läuft auf Ihren Mann und auf Sie!“

Der Wessi-Mann versteht die Ossi-Frau Müller nicht und Frau Müller versteht die Welt nicht mehr. Abitur mit „Eins“, Studium mit Auszeichnung abgeschlossen, bereits mit 40 Jahren Leiterin der größten Abteilung im Werk, 3 Kinder neben der Arbeit großgezogen, freut sich jetzt auf das erste Enkelchen – diese Frau, die immer im Leben stand und alle Schwierigkeiten des Lebens meisterte, zerbricht fast an dem Wörtchen „… und Frau“. Dieses „… und Frau“ zerstört alle Illusionen von der neuen Gesellschaftsordnung. „…und Frau“ macht deutlich, was dieses Gesellschaftssystem über Frauen denkt.

Fast weinend verlässt Frau Müller die Bank. „Hein“, sagt sie traurig zu ihrem Mann, „ich bin nur dein Anhängsel!“

Jetzt mögen Sie vielleicht denken: „Na und, was soll’s. Hauptsache das Konto ist prall gefüllt.“

Meinen Sie wirklich, dass dies das einzig wahre Lebensziel ist – ein sehr gut gefülltes Bankkonto? Nicht die Anerkennung der Gesellschaft, der Kollegen, der Familie, nicht Glück und Zufriedenheit, die Freude an den Kindern und Enkeln – nur das gefüllte Konto?!

Ein anderes Beispiel aus der Zeit des noch jungen wiedervereinten Deutschlands zeigt die Kraft des Wortes in einer Medien-Gesellschaft. Da hat doch ein Spaßvogel, ein Journalist geschrieben, dass in der atheistischen DDR Engel verpönt waren und dass zu Weihnachten keine Engel, sondern Jahresendzeitfiguren an den Weihnachtsbäumen hingen. Und nun geisterten Jahresendzeitfiguren durch den gesamtdeutschen Blätterwald – und fast alle glaubten dies. Verständlich, dass ein Wessi das glaubte – er kannte ja das Leben in der DDR nicht – aber dass „gelernte“ Ossis bestätigten „Ja, in der DDR hieß der Engel nur Jahresendzeitfigur.“ – das ist schwer zu verstehen.

Na ja, lang ist es her! Und vieles ist vergessen worden – also testen Sie sich mal:

Wer hat die Aussage von den zukünftigen „blühenden Landschaften“ in Ostdeutschland getroffen?

Von wem stammt die Klassiker-Aussage „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört!“

Wer war der letzte DDR-Ministerpräsident?

Warum ist der Tag der Deutschen Einheit der 3. Oktober?

Wer ernannte ….

 

*1) geklaut beim alten Friedrich Schiller aus seinem „Tell“

*2) entwendet aus BLV Handbuch Vögel, Dr. Einhard Bezzel, BLV Buchverlag GmbH & Co.

      80797 München, Seite 336