Die Rentnerclique: 5. Der Geheimauftrag

Der Geheimauftrag

....................................

(von Joachim Größer)

 

Bereits am nächsten Tag, meine Karla überlegte gerade, welche Geschäfte sie am Nachmittag unbedingt aufsuchen müsste, kam ein Anruf vom Juristen.

„Fred, wir Alten werden gebraucht. Heute Skat-Abend bei mir! Seid bitte pünktlich!“

Das mit dem „Pünktlichsein!“ hätte er sich auch sparen können. Allerdings, wenn ich daran denke, dass ich mit meiner Karla zum Großeinkauf unterwegs sein werde, dann machte seine Mahnung schon Sinn.

So informierte ich auch Karla über das Treffen heute Abend und genüsslich hängte ich den Satz an: „Der Jurist bittet uns, ja pünktlich zu sein.“ Und da das keine Wirkung bei meiner Karla zeigte, setzte ich noch eins drauf: „Der Großeinkauf muss auf drei Geschäfte reduziert werden. Sonst sind wir wirklich unpünktlich!“

Wie enttäuscht war ich, als meine liebe Frau nur antwortete: „Ist gut, Fred. Ich beeile mich!“

Und fast ärgerlich war ich, als meine Karla bereits nach dem zweiten Geschäft meinte: „Das reicht für heute. Morgen fahren wir noch mal ins Einkaufszentrum!“

So hatte ich mir das nicht gedacht. Na ja, der morgige Tag wäre damit auch verplant.

Der Abend jedenfalls war äußerst interessant. Die Skatkarten wurden überhaupt nicht angerührt, und als der Jurist uns allen die Gründe für diese Zusammenkunft erläuterte, wussten wir, das könnte ein „großes Ding“ werden.

Der Brief selbst - bereits nach den ersten Sätzen wussten wir, es ist ja gar kein amtliches Schreiben - umfasste mehrere Seiten. Der Kern des Briefes war, dass ein ehemaliger Studienkollege, nun selbst schon im Ruhestand, unseren Juristen um Hilfe bat. Er hatte von ihm über unsere Aktivitäten erfahren und meinte, dass wir die Richtigen wären, eine wahrscheinlich „riesengroße Schweinerei“ aufzuklären. Sein Sohn arbeite in der Staatsanwaltschaft, und zwar in verantwortlicher Position. Er bearbeite einen Fall, wo es um vermutliche Korruption, um Datenmissbrauch und Bespitzelung gehe. Es gibt Hinweise darauf, doch sobald sein Sohn sich einem bestimmten Kreis auch nur nähert, wird nur noch „geblockt“. Da dies ja aber alles nicht bewiesen sei, gibt es auch den Brief an unseren Juristen nicht. Und die Bitte, die der Schreiber ausdrückt, ist nie ausgesprochen worden. So interpretierte der Jurist den Brief, den er vor unseren Augen lächelnd vernichtete.

„Das ist nun wirklich ein Fall“, meinte er dann sehr ernst. „Was wir bisher gemacht haben, war doch mehr oder weniger nur Spiel. Hier müssen wir uns in Kreisen bewegen, die durch die Ermittlungen aufgeschreckt sind und die Macht und die Möglichkeit haben, uns Alte selbst auszuschalten. Nehmen wir die Bitte meines alten Studienfreundes an, dann nur unter der Voraussetzung, dass wir immer zuerst an unsere Sicherheit denken. Wir erhalten die Aufträge von meinem alten Studienfreund, nennen wir ihn den ‚Chef‘, und der will mit unserer Hilfe die Arbeit seines Sohnes unterstützen – nur der Sohn darf von uns auch nichts wissen. Denn sonst hat mein alter Freund einige Probleme mit seinem Sohn. Deshalb liefern wir, was wir ermitteln, an den ‚Chef‘ und der „schiebt“, wenn Brauchbares dabei ist, dies seinem Sohn unter. Die einzige Verbindung zum ‚Chef‘ bin ich und kein anderer wird ihn auch kennenlernen. Und nur der Sohn des ‚Chefs‘ darf aus dem Puzzle, das unsere Ermittlungen ihm liefern wird, ein Gesamtbild erstellen. So will es mein alter Studienkollege. Freunde, ihr seht, das ist wirklich hoch konspirativ!“

Das war nicht nur konspirativ, nein – wir würden uns hart, sehr hart, an der Grenze zur Kriminalität bewegen. Auch wenn es um einen Freundesdienst geht, hier durften wir selber die Grenzen zur Kriminalität nicht überschreiten. Lange diskutierten wir, redeten uns die Köpfe heiß, ja, wir hätten uns fast über diesen Auftrag entzweit. Die Parteien für „pro“ und „kontra“ waren in ihrer Argumentation fast gleich. So überließen wir es dem Juristen, uns die Entscheidung abzunehmen. Er meinte dann nach einer längeren Überlegungspause: „Wir werden dem ‚Chef‘ unsere Hilfe anbieten. Sollte sich aber aus unseren Aktivitäten selbst Kriminelles ergeben können, lehnen wir ab. Einverstanden mit dem Kompromiss?“

Ja, damit konnten wir alle leben. Und jetzt konnten wir mal wieder so richtig schön spekulieren, wer von den großen Bossen wohl in dieser Affäre verstrickt sei.

So spektakulär dieser Geheimauftrag vom Juristen angekündigt worden war, so wenig spektakulär war unsere Ermittlungsarbeit in der Praxis. Der Techniker maulte schon und äußerte: „Na, für diese Botengänge hätte dein Freund aber uns Rentner nicht engagieren müssen!“

Und selbst meine Karla meinte, ihr eigener Einkaufsbummel sei ja hoch brisant im Vergleich zu diesen Beschattungen.

Der Jurist wiegelte ab und nahm den „Chef“ in Schutz. „Der weiß doch auch nicht, was er uns zumuten darf.“

Hilda beendete diese Diskussion mit einem Vorschlag, der die Zustimmung aller erhielt: „Wir tun deinem ‚Chef‘ noch zwei Wochen den Gefallen, und wenn wir dann weiter nichts Vernünftiges ermitteln können, machen wir es auf eigene Faust oder gar nicht!“

„Richtig“, stimmte ihr Antonia zu. „Hilda, das ist ein vernünftiger Vorschlag.“

Und da dies die sehr zurückhaltende Antonia verkündet hatte, konnte auch der Jurist nur noch klein beigeben: „Na gut, ich ruf den ‚Chef‘ an und teile ihm unsere Meinung mit.“

Es war wirklich lächerlich, womit wir uns zwei Wochen abgequält haben. Da sollten wir mehrere Einkaufsläden überwachen und auf Unregelmäßigkeiten achten. So gern meine Karla einkaufen geht, noch eine Woche und sie hätte sich geweigert, noch einmal ihren Fuß in ein Geschäft zu stellen.

„Kaufen, um nichts zu kaufen!“, knurrte sie verärgert. „Das ist die pure Folter, das ist ja unmenschlich!“

Na gut, von dieser Seite betrachtet hätte der komische Einsatz schon was gebracht. Aber ehrlich, auch mir war es stinklangweilig.

Jetzt erhielten wir vom Chef den Namen eines Detektivbüros und wir staunten nicht schlecht: Es war die Detektei, deren Mitarbeiter wir im ersten Fall so herrlich an der Nase herumgeführt hatten. Nennen wir sie doch in Zukunft Detektei „Guck und weg“.

Nun freuten wir uns auf die die Beschattung der Beschatter. Sollten sie sich wieder so dämlich anstellen, so hätten wir wirklich viel Freude an diesem Spiel. Keiner von uns redete mehr von „konspirativ“ oder „brisant“. „Guck und weg“ waren alte Bekannte, mit denen wir nun unser Spielchen treiben konnten.

Als Erstes musste ich mein abgespeichertes Archiv mit all den hübschen Fotos, Adressen und Gewohnheiten der Mitarbeiter von „Guck und weg“ aktivieren, dann verlangte der Techniker von uns Alten: „Die Leute dort arbeiten mit modernster Technik. Wollen wir mithalten, müssen wir uns mit der neuen Technik anfreunden. Zuerst sollten wir unsere Handys auswechseln. Zeigt doch mal eure alten Dinger her!“

Ach Gott, wie feixte da der Techniker Franz. „Mindestes 10 Jahre alt! Geht das denn noch?“

Und als ich protestieren wollte, antwortete er: „Mach mal mit dem Handy ein Foto von deinem Objekt!“

„Aber dazu habe ich doch meine Digitalkamera!“, protestierte ich aufs Heftigste.

„Fred“, grinste der Techniker, „in dieser Branche ist das bereits alt, was noch gar nicht produziert worden ist. Sei nicht so geizig und gönne deiner Karla ein schmuckes neues Handy. Nimm eins für 300 €, die taugen was!“

„Wie viel!“, schrie ich ihn an. „300 – hast du vergessen, dass ich Rentner bin!“

Doch der Franz hatte schon ein neues Opfer. Nachdem er es sich mit allen verdorben hatte, bestimmte er: „Morgen um 10 Uhr kaufen wir 5 neue Handys. Eigentlich müssten wir 10 kaufen. Aber bei euch Geizhälsen reichen auch fünf!“

Er kaufte sie für uns, d. h., er wählte aus und wir durften bezahlen. Bereits eine Stunde später waren wir fast perfekt im Fotografieren von Menschen und Objekten. Wir übten, scheinbar zu telefonieren, um doch so ganz unauffällig ein Foto zu knipsen. Dann verzweifelte der Techniker, als wir SMS verschicken sollten. Nicht nur, dass unsere „Wurstelfinger“ ihre Probleme mit den kleinen Mini-Tasten hatten, nein unser selbst ernannter Lehrer verlangte, dass wir blindschreiben sollten – und dies hieß bei ihm: Schreiben in der Hosentasche!

Nach zwei Stunden war Techniker Franz durchgeschwitzt und heiser und wir beherrschten so leidlich das Handy.

„Wir brauchen noch ein paar ‚Wanzen‘!“, meinte Franz.

Doch da protestierte nicht nur der Jurist. Wir wollten selbst nicht kriminell werden und ‚Wanzen‘ wären kriminell.

Martina fasste unsere Ablehnung zusammen: „Dann wären wir nicht besser als die Kriminellen!“ Und recht hatte sie!

So gerüstet griffen wir am späten Nachmittag an. Als Erstes wollten wir ihre neue Zentrale auskundschaften und die kannten wir bereits nach einer Stunde. Trafen sich doch alleine drei von uns an derselben Stelle. Und wieder hatte man eine Wohnung als Zentrale angemietet. Dann erforschten wir, wo die Geschäftszentrale war, dann kannten wir die Dienstpläne und die „Arbeitsvorhaben“ der einzelnen Mitarbeiter und schließlich wussten wir die Zielobjekte ihrer Observation.

Eins allerdings wussten wir nicht: Würden uns, besonders mich, die alten Detektive als ihre ehemaligen „Opfer“ wieder erkennen?

Dies testeten wir, indem ich mich mehrmals verschiedenen Leuten vor ihre „Nase“ setzte.

Elf Augenpaare beobachteten jeden Gesichtsmuskel des jeweils Getesteten und einstimmig erklärten dann alle: „Die sind auf allen Augen blind!“

Jetzt brauchten wir auch keine Anweisung mehr vom sogenannten „Chef“, die Leute von „Guck und weg“ zeigten uns, was sie auskundschafteten. Ziel ihrer Observationen waren die Mitarbeiter verschiedener Filialen. Als Detektive getarnt, die nach „Langfingern“ unter den Käufern Ausschau halten sollten, bespitzelten sie die Angestellten. Und keiner war vor ihnen sicher. Selbst der Filialleiter war Objekt ihrer Begierde.

Zwei Ereignisse zeigten uns auf, wie man vorging. So bemerkten wir, dass nach Feierabend sich einer der Detektive an einen Mitarbeiter „hängte“ und ihm bis zu seiner Wohnung folgte. Und dann hatte meine Karla eine glückliche Hand – aber eigentlich war es ein glücklicher Fuß. Hatte doch einer der Detektive eine plötzliche Niesattacke. Er riss ein Taschentuch aus der Hosentasche und mit dem Tuch riss er ein kleines schwarzes Etwas heraus. Er ging niesend und prustend weiter, während meine Karla ihren Fuß nicht von dem kleinen Notizbuch nahm. Ich selbst band mir gekonnt meine Schürsenkel an Schuhen zu, die keine Ösen, geschweige denn Schnürsekel hatten, und steckte das Büchlein in die eigene Tasche.

Dieses kleine Schwarze war eine Offenbarung über die Niedertracht der Besitzenden. Sagen Sie, liebe Leser, warum will eine Gesellschaft wissen, wie oft ein Mitarbeiter die Toilette während der Arbeitszeit aufsuchen muss? Wieso wurde festgehalten, wann wer mit wem während der Arbeitszeit gesprochen hat? Warum will man wissen, ob das „Fräulein Meyer“ einen neuen Freund hat, und man will sogar Einzelheiten aus dessen Biografie erfahren?

Der Jurist telefonierte mit dem Chef, doch der meinte nur, dass das alles zwar am Rande der Kriminalität sei, aber noch kein Strafbestand. Also für uns war es das und selbst der Jurist meinte, dass das nicht nur gegen die guten Sitten verstoße. So rätselten wir einen schönen Skatabend lang, wie wir uns für die bespitzelten Mitarbeiter einsetzen könnten. Und Martina meinte dann, dass vielleicht die Presse Interesse zeigen könnte. Da sie viele Jahre selbst bis zu ihrer Verrentung in einer Pressestelle gearbeitet hatte, wollte sie mal die alten Kontakte „pflegen“. Wir übergaben ihr das kleine Schwarze, sie reichte es mit einigen Erläuterungen an einen jungen Heißsporn, der scharf auf „heiße“ Journalistik war, weiter und bereits eine Woche später lasen wir von den Bespitzelungen in der Tagespresse.

Das war unsere Rache für die fiesen Machenschaften der mächtigen Gesellschaft. Und wir glaubten mit diesem Ergebnis, unsere Freundespflicht gegenüber dem „Chef“ erfüllt zu haben. Doch wie heißt es so schön: Es kommt immer anders, als man denkt!

Ja, es kam anders: knüppeldick und brisant. Jetzt mussten wir wirklich Angst um uns Alte haben.

Zufälle sind in Krimis, ob gute spannende oder langatmig langweilige, immer gern willkommen. Ein solcher Zufall bescherte uns wirklich einen richtigen Kriminalfall.

Es war der letzte von uns selbst beschlossene Observationstag, als der Jurist mit einer Telefonkonferenz uns bat, schnellstens zu ihm zu kommen. Ich war mit meiner Karla in der Nähe und somit waren wir die Ersten, die er informieren konnte. Wir setzten uns zu ihm ins Auto und dann sah ich auch, warum er so aufgeregt war. Zwei Männer traten zu einem Auto, wobei ich den einen sofort als den Geschäftsführer von „Guck und weg“ erkannte. Der andere Mann übergab ihm einen Koffer, der bis dahin an seinem Armgelenk mit einer Sicherheitskette befestigt war.

„Das ist der Polizeipräsident!“, fauchte der Jurist.

„Der Polizeipräsident?“ Erschrocken klang die Stimme meiner Karla.

„Ja, nicht der Erste, der Zweite – der Stellvertreter! Und den kenn ich auch!“

Wir sahen einen dritten Mann zu dem Auto gehen. Freundschaftlich begrüßte er die anderen beiden.

„Und wer ist das?“, fragte ich verwundert über den zornigen Gesichtsausdruck unseres Juristen.

„Das ist ein Obergauner, ein Hai – ein Immobilienhai, das ist ein Mensch, der nur das Geld anbetet und der Gefühle, Liebe, Barmherzigkeit dem Teufel für blanke Münzen verkauft hat.“

„Du bist aber ganz schön sauer auf den Menschen“, sagte meine Karla und wir erlebten einen der so seltenen Zornesausbrüche bei unserem sonst immer sehr ausgeglichenen Juristen.

„Ich habe seine Frau in der Scheidung als Anwalt vertreten. Solch einen hartherzigen Fiesling hatte ich bis dato noch nicht kennengelernt. Die Frau tut mir heute noch leid, dass sie es mehr als 20 Jahre mit solchem Menschen ausgehalten hatte.“

Mit lautem Lachen verabschiedeten sich der Oberpolizist und der Hai; der Geschäftsführer von „Guck und weg“ öffnete die Autotür und hupte mehrmals. Sofort stürzten zwei jüngere Männer zu ihm. Der eine setzte sich auf den Fahrerplatz, der andere riss die hintere Tür auf und unser „Guck und weg“-Mensch bewegte seinen nicht mehr ganz so schlanken Hintern auf den gesamten hinteren Sitz.

„Fred“, bat mich jetzt der Jurist, „fahr bitte dem Auto hinterher. Wenn es das ist, was ich vermute, dann sind wir wirklich einer Schweinerei auf der Spur. Ich sag den anderen Bescheid. Karla, bleib am Telefon und dirigiere die anderen zu euch. Ich muss unbedingt ganz wichtige Telefonate führen. Noch Fragen?“

 Wir waren viel zu baff, als dass wir noch Fragen hätten. Ich stürzte mit Karla zu unserem Auto, ich sah im Vorbeifahren noch, wie der Jurist ins Handy schrie und dann jagte ich mit garantiert mehr als 50 km/h durch die engen Straßen.

„Bit du verrückt!“, schimpfte meine Karla zu Recht. Und ich hörte auf sie, sah ich doch außerdem die große schwarz glänzende Limousine gerade den Weg zur Autobahn nehmen.

Gleich nach der Autobahnauffahrt griff Karla zum Handy und als Erster meldete sich der Oberlehrer. Vergnügt meinte er: „Ja Karla, was schreist du denn so. Ich hör dich doch auch ohne Handy.“

Ich schaute in den Rückspiegel und sah das Auto des Oberlehrers und vier Hände, nein, es waren nur drei, uns zuwinken.

Dann „zwitscherte“ das Handy und Hilda fragte, wo wir seien.

„Gut, wir fahren zu euch auf. Bob und der Chemiker sollen dem Juristen helfen. Ich sag denen Bescheid.“ Und dann schrie sie noch ins Telefon: „Eine Verfolgungsfahrt ist doch interessanter als Botengänge, die wir für den Juristen durchführen sollten. Also ab und zu mal nach hinten schauen – wir kommen!“

Aber bevor sie zu uns gestoßen waren, schrie ich noch meiner Karla zu: „Sag dem Techniker, dass ein Blitzer kommt!“

Aber der Ruf kam bereits zu spät. Keine Minute später hörten wir den Techniker schimpfen: „Das hat einen Punkt gekostet! Warum sagst du das nicht eher?!“

Ich antwortete gar nicht weiter drauf, sondern maulte jetzt: „Einer von euch muss nach vorn. Sonst fällt denen da vorn auf, dass ich immer hinter ihm bin. Und noch was, die nächste Tankstelle gehört mir. Meine Anzeige blinkt schon mächtig!“

 Aber dann regelte sich alles von selbst. Die dunkle Limousine fuhr zum Tanken, ich und der Oberlehrer fuhren hinterher und der Techniker stand sprintbereit auf dem kleinen Parkplatz.

Und weiter ging die Fahrt nach Süden. Die Grenze wurde passiert, natürlich ohne jede Kontrolle und dann hörten wir den Oberlehrer übers Handy: „Fred, einen schwarzen Aktenkoffer habt ihr gesehen? Wer will mit mir wetten, dass die Kerle zur …bank fahren?“

„Hältst du uns wirklich für so dämlich, dass wir auf diese Wette einsteigen?!“

Also wetten drauf taten wir nicht, aber hingefahren sind wir. Schön betulich und geruhsam, denn in einer fremden Stadt, wo man von hinten geblitzt werden kann, ist jede Hektik fehl am Platz. Und dies beherzigte auch der Fahrer der schwarzen Limousine. Er fuhr nach der Devise: Bloß nicht auffallen!

Danach handelten auch wir! Auf dem Parkplatz hielten wir uns schön bedeckt. Als der Herr Geschäftsführer die Bank betreten wollte, meinte Hilda, dass sie noch nie eine solch noble Bank von innen gesehen habe. „Kommt Mädels, da müssen wir rein!“

Und sie fasste meine Karla und Antonia an die Hand und alle drei Frauen schritten erhobenen Hauptes durch das Portal.

Karla erzählte mir später, was sich dann in der Bank abspielte. Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, als auch schon ein mächtig seriöser Herr im dunklen Nadelstreifenanzug, sich devot verbeugend, zu unseren Frauen begab. Hilda, diesen Bankangestellten sehend, hob ihre Hand und winkte scheinbar dem Geschäftsführer von „Guck und weg“ zu. Als der Angestellte bei ihnen war, sagte Hilda ganz enttäuscht: „Ach mein Gott, es ist ja gar nicht mein Alfred! Wie konnte ich mich nur so täuschen?!“

Und der Bankangestellte schaute zum Geschäftsführer: „Nein, nein, meine Dame, dies ist ein sehr guter und treuer Kunde unserer Bank. Aber vielleicht wollen auch Sie …?“

Jetzt war Hilda in ihrem Element: „Mein Herr, meinten Sie Geld? Mit so etwas gebe ich mich doch nicht ab. Wozu hat man denn einen Mann!“

Hilda drehte sich auf ihrem Absatz, lächelte dem Bankangestellten noch einmal verzeihend zu und enteilte, Karla und Antonia im Schlepptau.

Aber auch die Männer draußen taten ihre „Pflicht“. Während der Oberlehrer scheinbar telefonierend die beiden Männer, die wohl Bodyguards waren, fotografierte, holte der Techniker ein kleines Kästchen aus der Tasche und steckte sich eine Hörmuschel ins Ohr.

„Ist nur ein Hörverstärker, war im Sonderangebot“, grinste er erklärend und reichte mir auch solch einen „Ohrenstöpsel“.

Er hielt das Kästchen in Richtung der beiden jungen Männer und wirklich, wir beide konnten Teilsätze verstehen. Und so etwa ging das Gespräch zwischen den beiden:

„Noch dreimal mit … Chef hierher u… ich kann die Reise bu…“

„Wohin w… ihr?“

„Hochzeitsrei…, Ines will na… …ko.“

„An nächsten Mittwoch komme ich nicht mit. Der Hans will sich die Boni verdienen.“

„Kriegt der auch einen 200er?“

„Weiß …“

Die Frauen kamen strahlend aus der Bank und 20 Minuten später unser alter Bekannter.

Wir wussten, was wir wissen wollten und machten uns noch einen schönen Nachmittag in der alten ehrwürdigen Stadt. Zu Hause saß indes der Jurist, wie eine Spinne im Netz, und ließ durch die Daheimgebliebenen wichtige Informationen einholen. Und da er noch viele Kontakte zu allen möglichen Stellen hatte, erhielt er das, was er glaubte, wissen zu müssen.

Am nächsten Vormittag „warfen“ wir alle „Puzzle-Teile“ zusammen und der Jurist versuchte, das Geflecht von Korruption und Geldhandel aufzudecken. Doch er war selbst nicht mit dem Ergebnis zufrieden.

„Ich fahre noch heute zum ‚Chef‘ und übergebe ihm unsere ermittelten Details. Soll sein Sohn das Puzzle zusammensetzen. Wir haben unsere Arbeit getan!“

Vierzehn Tage später empfing uns der Jurist mit einem geheimnisvollen, verschmitzten Lächeln. „Post vom ‚Chef‘!“, rief er und schwenkte einen Brief.

„Erzähl schon!“, riefen wir fast gleichzeitig. „Hat unsere Ermittlung was gebracht?“

„Hat sie! Die schwarze Limousine wurde an der Grenze durchsucht, drei Personen wurden vorläufig festgenommen, und nachdem die Bodyguards ihre Aussage gemacht hatten, plauderte der Herr von ‚Guck und weg‘. Freunde, wir haben wirklich eine riesengroße Schweinerei aufgedeckt!“

Und nun hörten wir Einzelheiten. Wir hörten, dass der Oberpolizist, der Immobilienhai und der „Guck und weg“-Mensch sich seit der Schulzeit kennen. Als der Polizist zum stellvertretenden Polizeipräsidenten befördert wurde, glaubte nicht nur er, dass niemand ihm und ihnen was anhaben könnte. Der Immobilienmakler setzte mithilfe der Detektive seines Freundes, die selbst keine blasse Ahnung davon hatten, unwillige Haus-Verkäufer unter Druck. Das endete dann mit dem Tatbestand: Erpressung. Völlig unter Wert wurden Immobilien so erstanden, um dann überteuert, wieder mit Erpressungsversuchen gepaart, verkauft zu werden. Anzeigen, die von den Geschädigten eingereicht wurden, ließ der Oberpolizist einfach verschwinden. Fragte ein nicht so sorgloser Beamter deswegen nach, wurde er innerhalb kürzester Zeit dienstversetzt. Als Belohnung dafür erhielt der Oberpolizist eine millionenschwere Immobilie, eine prachtvolle Villa in bester Lage. Und da es mit dem Grundbuchamt Schwierigkeiten gab, erpresste man einen kleinen Angestellten und schnell war eine Dokumentenfälschung als echt ausgegeben. Und da das Wort „Geld“ für diese Drei einen solch bezaubernden Klang hatte, betrieben sie noch gemeinschaftlich einige kleinere Bordelle und bauten diese auch zur Annahme von „schmutzigem“ Geld aus. Und das Geld aus all diesen miesen Geschäften wurde dann für deutsche Behörden zugriffssicher im Ausland deponiert.

„Und wir haben diesen Kriminellen das Handwerk gelegt!“, schmetterte Hilda heraus und erntete nur Zustimmung.

„Der Meinung ist auch der Chef“, sagte der Jurist. „Offiziell kann er uns nicht ‚Danke sagen‘ und sein Sohn schon gar nicht. Ich vermute, mein alter Studienkollege hat ihm wohl nur sehr wenig von uns erzählt. Aber der Chef war der Meinung, unsere Hilfe muss irgendwie belohnt werden. Da sein Sohn nach dem Prozess wohl mit seiner Beförderung rechnen kann, hat er ihm das Geld für 12 Operetten-Karten aus dem Kreuz geleiert. In einer Woche gehen wir in den ‚Zigeunerbaron‘!“

Ein Freudenschrei aus sechs Frauenmündern – dann trat gespenstische Ruhe ein – dann ein erneuter gemeinsamer Ausruf: „Wir haben nichts zum Anziehen! Morgen gehen wir einkaufen!“

O diese Frauen! Sie haben wirklich nichts zum Anziehen! Sechs Angehörige des starken Geschlechts konnten nur schwach lächeln.

„Spielen wir unseren Skat“, meinte der Chemiker lakonisch, „dann ertragen wir das Elend mit sechs nackten Frauen besser.“

 

6. Episode "Der Leichenfund" - HIER!