Kriminalerzählungen: 1. "Das Bild"

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Kriminalerzählungen in Fortsetzung:

1. "Das Bild"

2. "Der Ring"

3. "Zugriff"

4. "Versteh mir einer die Frauen!"

 

1. Das Bild

……......………

von Joachim Größer (2012)

 

Ich presste meine Nase ans Fensterglas. Ich spürte nicht die Kälte der Schaufensterscheibe, sah nicht den verwunderten Blick der schwarzhaarigen Schönen neben mir, ich starrte nur auf dieses Bild, ein Bild in 3-D-Optik.

„Das Neueste in der Fotografie“ – so pries die Aufschrift über die vier ausgestellten Glasblöcke diese neue Fotografie. „Ein Foto für die Ewigkeit!“ -  „Ein einmalig schönes Geschenk für Ihren Liebsten!“ und noch zwei ähnlich lautende Bildunterschriften las ich auf den Schildchen neben den Glasquadern. Die Personen in 3-D-Optik, die in den Quadern zu sehen waren, hatten meine Aufmerksamkeit erregt. Genauer gesagt: Es war nur die hübsche junge Frau in dem leicht blau schimmernden Glas. „Michelle!“, flüsterte ich. „Michelle!“

„Ist etwas?“, fragte meine Nachbarin leise und schaute besorgt zu mir. „Nein, nein, nichts! Es ist nichts!“ Ich zwang mich, nicht mehr auf dieses 3-D-Bild zu starren, auch wenn die Frau auf dem Bild meiner Michelle so ähnlich sah.

„So komm“, hörte ich meine Nachbarin sagen, „gehen wir zu mir. Ich lad dich zum Kaffee ein.“

Ohne Widerrede ließ ich mich von dem Schaufenster wegführen und schritt wortlos meinen Gedanken nachhängend neben Susanne. Und Susanne warf mir kritische Blicke zu, um dann energisch meinen Arm zu nehmen. So eingehakt führte sie mich zu ihrer kleinen aber gemütlichen Dachwohnung.

„Schwarz oder weiß?“, hörte ich sie fragen. Doch bevor ich antworten konnte, schnurrte sie: „Ach ja, du trinkst ja nur ‚heiß wie die Liebe und schwarz wie die Sünde‘.“

Mit diesem idiotischen Spruch konnte ich nichts anfangen, er schien aber für Susanne der Auftakt zu sein, ihre Verführungskünste an mir auszuprobieren. Zwar bin ich dem weiblichen Geschlecht nie abgeneigt gewesen und ein großer Verehrer der weiblichen Reize und die junge attraktive Frau, auf deren Couch ich saß, besaß alles, was eine Schönheit ausmacht. Nur – seitdem ich dieses 3-D-Bild gesehen habe, war ich immun für Susannes Reize.

Zu meinem Glück bemerkte dies Susanne und nachdem ich den heißen Kaffee in mir hineingeschüttet hatte, verabschiedete ich mich höflich für die Einladung bedankend. Susanne wagte noch zu fragen: „Sehen wir uns morgen?“

Doch die Antwort verstand sie garantiert nicht – verstand ich doch selbst nicht, was ich da hingemurmelt hatte. Kaum hatte sich hinter mir die Wohnungstür geschlossen, so stürmte ich die Treppen hinunter, drei Stufen immer zugleich überspringend. Auf der Straße rannte ich den Weg zurück. Keuchend stand ich vor dem Schaufenster, keuchend stöhnte ich: „Michelle!“ Ich starrte auf das Bild. Ich war mir jetzt sicher, es muss Michelle sein, meine Freundin Michelle, die mich vor vier Wochen mit einem Kuss verabschiedet hatte und danach unauffindbar war.

In der ersten Woche war ich wütend, dass sie mir ohne ein Wort des Abschieds den Laufpass gegeben hatte. Dann kamen mir in der zweiten Woche Zweifel und ich glaubte, dass ihr etwas zugestoßen sei. Ich fragte in Krankenhäusern und in Polizeistationen nach - nichts führte zu Michelle. Ein Polizist fragte mich, ob ich eine Vermisstenanzeige aufgeben wolle. Aber wie sollte ich?! Ich kannte doch nur ihren Vornamen. Getroffen haben wir uns nur einmal kurz bei mir, also kannte ich auch keine exakte Anschrift. Ja selbst ihr Alter und ihren Familiennamen konnte ich nicht angeben. So hätte der freundliche Polizist meine Meldung aufschreiben müssen: Michelle, mittelgroß, blonde Haare, leicht gelockt, zwei Grübchen, Mitte zwanzig und wunderschön. Wir standen eben am Anfang unserer Beziehung und über Schmusen und Küssen waren wir noch nicht hinausgekommen.

In der dritten Woche sagte ich mir: „Was soll es! Es gibt noch andere hübsche Mädchen.“

So kam ich in der 4. Woche in die Fänge dieser freundlichen Mitarbeiterin namens Susanne aus der Nachbarabteilung, die mich, wie sie mir sehr schnell zu verstehen gab, gern vernaschen würde.

Ich beäugte nochmals das 3-D-Bild im Schaufenster und war mir jetzt endgültig sicher: Es ist Michelle. Alles andere lief jetzt wie im Film ab. Ich stürmte in das Fotogeschäft, um mir sogleich meine Nase und meine Stirn zu prellen. Der Aufprall war so heftig, dass die Alarmanlage aufschrie und ich mich, wie ein Dieb davonschlich. Ein Blick auf meine Armbanduhr – 19.30 Uhr! Klar, das Geschäft hatte bereits geschlossen.

Die Nacht war fürchterlich. Ich wachte mehrfach schweißgebadet auf. Immer und immer wieder sah ich meine Michelle in 3-D im Traum – nur, dass sie in diesem Glaskörper mit ihren Händen nach mir zu greifen schien und mir zurief: „Hilf mir, Georg! Hilf mir!“

Ich stand zwei Stunden früher auf und beschloss, einen ausgedehnten Morgenspaziergang zu unternehmen, anstatt mit dem Bus zur Arbeit zu fahren. Über all das Verrückte nachdenkend, führte mich der Weg zum Schaufenster des Fotoladens. Ich stand vor dem Fenster, presste meine Stirn an die Scheibe und schrie: „Michelle! Michelle!“

Meine Michelle bewegte sich in dem 3-D-Bild, streckte beide Arme mir Hilfe suchend entgegen und ich glaubte, ihre Stimme zu hören: „Hilf mir, Georg! Hilf mir!“

Ich weiß nicht, wie lange ich vor dem Fenster gestanden habe. Ich glaubte, den Verstand verloren zu haben. Wieso kann ein Mensch in einem 3-D-Bild lebendig sein?! Wieso?

„Gefallen Ihnen die 3-D-Bilder?“

Ich schreckte zusammen. Neben mir stand ein älterer Mann, der mich freundlich anschaute.

„Ja, ja, sehr!“, antwortete ich schnell. Da ich annahm, dass dieser Mann der Besitzer des Ladens sei, fügte ich geistesgegenwärtig hinzu: „Fertigen Sie diese Bilder an?“

„Nein, eine kleine Firma. Kommen Sie, ich zeige Ihnen diese kleinen Kunstwerke.“

Bevor ich hinter dem Mann den Laden betrat, konnte ich noch einen Blick auf das Michelle-Bild werfen. Jetzt war sie wirklich nur noch ein „totes“ 3-D-Bild.

Die Tür quietschte und knarrte und fast entschuldigend sagte der Ladeninhaber: „Ich muss doch den Handwerker kommen lassen. Gestern Abend versuchte man, bei mir einzubrechen.“ Und er schaute zu mir und ich hoffte, dass ich nicht allzu rot angelaufen bin. „Bei mir gibt es doch gar nichts zum Stehlen. Ach, diese kleinen Gauner! Machen mehr Schaden, als sie klauen können!“

Im Laden ging der nette Inhaber zum Schaufenster und entnahm ihr eines der 3-D-Bilder. Ich hoffte, dass er nicht nach Michelle griff, zugleich aber war ich froh, dass er mir das Michelle-Bild reichte. „Beste Arbeit, mein Herr“, sagte er. „Und noch nicht einmal zu teuer. Diese kleine Firma hat mir die Bilder als Muster überlassen. Ich soll für sie testen, wie sich die kleinen Kunstwerke verkaufen lassen.“ Er machte eine längere Pause, während ich mir das Michelle-Bild von allen Seiten anschaute. Ich hoffte einen Namen oder Anschrift auf dem Glaskörper zu finden, aber nichts bewies die Herkunft dieses 3-D-Bildes.

„Kann ich das Bild kaufen?“ Meine Spontanität überraschte mich selbst. Der Ladeninhaber schien die Frage aber erwartet zu haben. „Leider nein, diese Dame in dem Glaskörper ist aber auch wirklich eine Schönheit. Kein Wunder, dass sich besonders die jüngeren Herren dafür interessieren. Aber wie gesagt, es sind Muster, unverkäuflich! Aber, ich fotografiere Sie und in einer Woche, na – sagen wir 14 Tage, können Sie sich in 3-D betrachten. Oder Sie verschenken sich Ihrer Freundin! Möchten Sie?“

Ich wollte zwar nicht, sagte aber trotzdem zu. Mir schien, dass der Zufall mein Handeln bestimmte. Aber vielleicht …, nein bestimmt hilft mir mein 3-D-Bild, Michelle zu finden. Verrückt?! Wirklich verrückt – wie wollte ich über meine Fotografie Michelle finden?!

Bevor der Ladenbesitzer mich zum Fotostudio bat, musste ich ihm noch Namen und Anschrift angeben, die er sogar mit meinem Ausweis abglich. „Wissen Sie, solche Bilder sind zu teuer, als dass man sie einfach vernichten kann. Und einen Wert hat Ihr Bild nur für Sie.“

Ich wurde von allen Seiten abgelichtet. Eine kurze Pause – der Fotograf prüfte die Fotos am Computer. Dann drehte er den großen Bildschirm zu mir. „Einverstanden mit der Qualität?“

Natürlich war ich einverstanden. Ich stand da in meiner etwas schlaksigen Haltung. Meine Haare waren wie immer etwas wirr. Nur mein Gesichtsausdruck gefiel mir nicht. Ich schaute einfach zu ernst. Ich nickte und verabschiedete mich: „Ich komme in 14 Tagen vorbei. Auf Wiedersehen - bis dann!“

Von wegen: „Auf Wiedersehen - bis dann!“ Bereits am nächsten Tag stand ich vor und nach der Arbeit vor dem Laden und starrte auf meine „Michelle“. Damit mich der Ladeninhaber nicht „erwischte“ und mir komische Fragen stellen konnte, kam ich immer so zeitig oder so spät, dass der Laden geschlossen war. Dann stand ich vor dem Fenster und Michelle streckte die Hände zu mir und ich hörte sie wieder und wieder rufen: „Hilf mir, Georg! Hilf mir!“

Nachts träumte ich immer wieder denselben Traum: Michelle in 3-D und ihre Hilfeschreie!

Auf der Arbeit war ich missmutig und scheute jeden Kontakt. Mehrfach versuchte die schwarzhaarige Susanne, mit mir ins Gespräch zu kommen. Nach dem dritten Versuch gab sie es auf, nicht ohne mich noch als arrogantes Mistvieh zu beschimpfen.

Nur mein Chef  fragte mich, ob er mir helfen könne. „Sie sehen aus, als ob Sie ein großes Problem vor sich hertragen würden“, meinte er. Ja, der alte Herr war ein Menschenkenner – aber helfen konnte er mir doch auch nicht.

Als ich eines nachts mal wieder schweißnass aus einem dieser Albträume aufwachte, beschloss ich, wach zu bleiben. Ich griff zur Tageszeitung, schlug eine Seite auf und murmelte: „Das ist es!“

Eine kleine Annonce hatte meine Aufmerksamkeit erregt: „Eröffne die Detektei Mayers! Brauchen Sie Hilfe? Rufen Sie an!“

Und ich rief an. Es klingelte furchtbar lange, schon wollte ich auflegen als eine mürrische Männerstimme grob fragte:  „Was möchten Sie?“

„Sie!“

„Mich, nachts um 3 Uhr! Hat das nicht bis morgen früh Zeit?!“

„Nein!“

„Ich komme – Name, Adresse?“

„Dr. Georg Malkow …“ Ich hörte es rascheln, dann: „Moment, Mediziner?“

„Botaniker!“

„Sind Ihnen Pflanzen davongelaufen?“

Ich glaubte, am Telefon sein Grinsen zu hören. Da ich nur wütend schnaubte, fragte er ernsthaft: „Noch die Anschrift und ich stehe in Kürze vor Ihrer Tür.“

Ich gab ihm die Anschrift und dann sagte der Herr Detektiv: „10 Minuten haben Sie Zeit, mir einen frischen Kaffee zu kochen. Ohne Kaffee kann ich so früh nicht denken!“

Obwohl das eigentlich eine Frechheit ist, von einem Kunden, einem Klienten einen Kaffee um 3 Uhr morgens zu verlangen, machte mir dieser Satz „Ohne Kaffee kann ich so früh nicht denken!“ den unbekannten Detektiv sympathisch.

11 Minuten später hinkte ein Mann mittleren Alters durch meine Tür. Er hatte sofort mein Vertrauen, nur sein Hinken störte mich. Er bemerkte meinen kritischen Blick auf sein rechtes Bein und meinte nur: „Stört nicht, ein Betriebsunfall. Um Fälle zu lösen, brauche ich meinen Verstand und nicht die Beine. So, wo steht der Kaffee?“

Während der Detektiv seinen heißen Kaffee schlürfte, musste ich ihm mein Anliegen unterbreiten. Er hatte wirklich gesagt „mein Anliegen unterbreiten“. Mein Anliegen war in drei Sätzen gesagt: „Meine Freundin ist verschwunden!“, „Ich habe sie in einem 3-D-Bild gesehen!“, „Sie sollen sie finden!“

„Kürzer geht’s wohl nicht!“, knurrte mein Gast.

„Helfen Sie mir!“

Noch kürzer konnte ich mein Anliegen nicht aussprechen. Eigentlich habe ich dies nur gesagt, weil sein Gehabe mich ein bissel „auf die Palme“ gebracht hatte. Aber ohne dass er etwas sagen musste, begann ich einfach zu reden. Ich redete mir die ganze Sorge, meine Angst um Michelle, meinen Frust von der Seele. Und mein Detektiv Mayers sagte nichts, machte sich auch keine Notizen, er trank nur in kleinen Schlückchen den kochend heißen Kaffee. Ich erzählte und erzählte, ich ließ nicht meine Angstträume aus und berichtete sogar von der nach mir um Hilfe flehenden Michelle, die ich am helllichten Tage gesehen habe.

Allerdings, als ich dies erzählte, schaute ich besorgt zum Detektiv. Hätte er jetzt nur gelächelt oder irgendeine dumme Bemerkung gemacht, ich hätte ihn sofort rausgeschmissen. Doch er saß da und genoss den heißen Kaffee. Die Erzählpause, die ich einlegte, ließen ihn hochblicken. Er sah meinen besorgten Blick und antwortete: „Da machen Sie sich keine Sorgen. Das ist in Ihrer Situation völlig normal. Glauben Sie mir’s. Ich habe mehrere Semester Psychologie studiert. Unser Gehirn ist eine besondere ‚Welt‘ – und wir wissen immer noch viel zu wenig aus dieser ‚Welt‘. Sprechen Sie nur weiter.“

Viel hatte ich nicht mehr zu sagen – außer, dass in wenigen Tagen mein 3-D-Foto fertig sein müsste.

„Gut, dass ist ein Punkt, wo ich ansetzen kann“, meinte der Detektiv und machte sich zum Gehen fertig.

„Ist das alles?“, fragte ich verwundert.

„Nein, Sie haben Recht, wir haben noch nicht über die Bezahlung gesprochen. Ich …“

Jetzt musste ich ihn unterbrechen. So schnell, wie ich einen Detektiv angeheuert habe, so schnell konnte ich ihn jetzt auch wieder loswerden.

„Herr Mayers, ich weiß nicht, was eine Detektei für solch einen Fall verlangt, aber ich besitze keine Reichtümer. Bin erst voriges Jahr mit meiner Doktorarbeit fertiggeworden. Ich habe 3000 Euro, die wollte ich Ihnen geben, wenn Sie Michelle finden …“

„Dr. Malkow, nun - Sie sind mein erster Klient. Können wir uns drauf einigen: 2000 Euro, egal wie lange ich für diesen Fall brauche. Für die aktuellen Ausgaben müssten Sie mir aber einen Hunderten, besser zwei, vorstrecken. Ich bin auch nicht mit Reichtümern gesegnet und Sie sind, wie gesagt, der erste Klient.“

Ich kramte in meinem Portemonnaie, fand einen 50-er und zwei 10-er. Das dumme Gesicht, das ich machte, als ich ihm die Scheine reichte, veranlasste ihn zu bemerken: „Der 50-er reicht erstmal für Sprit.“ Er steckte das Geld lose in die Jackentasche, kramte nach einem Quittungsblock – so sagte er es jedenfalls – knurrte: „Wenn man um 3 gerufen wird, denkt man nicht an eine Quittung. Steckt heute Abend im Briefkasten.“

Jetzt startete der Herr Detektiv den zweiten Versuch, meine Wohnung zu verlassen. An der Tür drehte er sich um und bemerkte: „Ich hätte da noch einen Auftrag für Sie! Versuchen Sie, beim Fotografen herauszubekommen, wann Ihr 3-D-Bild geliefert wird. Lassen Sie sich nicht abwimmeln – wenn nicht, soll er in dieser kleinen Firma anrufen. Kriegen Sie das hin?“

Ich nickte und machte als höflicher Mensch einige Schritte zu ihm, um ihn zur Tür zu geleiten. Er nahm wohl an, dass ich ihm die Hand geben wollte, wo ich doch „allergisch“ aufs Händeschütteln reagiere.  Nur - das wusste er doch nicht, also reichte ich ihm meine Hand, die er kräftig drückte und lange schüttelte.

Dann drehte er sich noch einmal um: „Ach, ja – anrufen nicht vergessen!“

„Wie anrufen?“, fragte sehr verwundert.

„Na, wann bekommt der Fotograf Ihr 3-D-Bild?!“

Ich nickte und dann hinkte mein Detektiv vorsichtig die Treppe hinunter.

So, den Mann war ich los; die Uhr zeigte ¾ 4 - zu zeitig, um zur Arbeit zu gehen. Um weiter schlafen zu können, war ich aber zu aufgewühlt. Also goss ich den Kaffeepott voll und sinnierte. Wird der Detektiv mir helfen können oder bin ich nur meine letzten Spargroschen los? Dann „Ade Michelle!“

Ich ging noch einmal das ganze Gespräch durch. Je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr bekam ich den Eindruck, dieser Detektiv hatte mich getestet! Aber warum? Er soll doch Michelle finden! Oder glaubt er, ich bin ein Spinner, ein „mich in den Vordergrund-Schieber“?! Oder hält er mich nur für bekloppt?

Na ja – verrückt ist die Geschichte schon. Vor allem, dass ich Michelle am helllichten Tage die Hände Hilfe suchend nach mir ausstrecken sehe.

Ich schob alle negativen Gedanken von mir weg und beschloss, gleich heute den Fotoladen aufzusuchen. Und so tat ich dies auch. Eine viertel Stunde vor Ladenöffnung stand ich vor dem Schaufenster. Ich drehte mich aber vom Fenster ab. Zu sehr dachte ich an Michelle und befürchtete, dass ich wieder dieses furchtbare Bild einer nach Hilfe rufenden Michelle sehen werde.

Ich beobachtete den Verkehr auf der Straße, die Fußgänger, die zur Arbeit hasteten. Ein Mann fiel mir auf. Er schlenderte zielgerichtet zu dem Fotoladen und verharrte neben  mir vor dem Schaufenster. Ich schaute ihn von der Seite an und beobachtete seinen Gesichtsausdruck. Er schien sich auch für die 3-D-Bilder zu interessieren. In seinem Gesicht konnte man aber weder Verwunderung oder Neugier, auch nicht Begeisterung für diese neue Art der Fotorepräsentation sehen. Er schien sich eher dem Gefühl der Genugtuung hinzugeben.

In diesem Moment eilte der Ladeninhaber auf uns beide zu. „Ach der Herr mit dem 3-D-Bild. Schön, dass Sie da sind. Gestern bekam ich den Anruf, dass der Guss Ihres Bildes gelungen sei. Kommen Sie übermorgen  vorbei?“

Er schloss seine Ladentür auf und ich – eingedenk der Mahnung meines Herrn Detektivs – fragte: „Können Sie das nicht genauer sagen? Das wäre schon wichtig für mich. Ich …“

Jetzt fiel mir kein Grund ein, warum eine genauere Aussage sooo wichtig wäre. Aber mein freundlicher Herr half mir. „Aber natürlich, ich rufe gleich an!“

Er ging sofort zum Telefon und wählte. Ich hörte das Rattern der Wählscheibe, fünfmal ließ er die Scheibe rattern. Also wählte er eine 5-stellige Nummer – Ortsgespräch! Dank dessen, dass der Ladeninhaber ein sparsamer oder vielleicht sogar knausriger Mensch war und noch ein Uralt-Telefon aus den 60-ern Jahren besaß, wusste ich: 5-stellige Telefonnummer - die Firma ist ortsansässig!

Es tutete recht lange, doch dann schien jemand am anderen Ende der Leitung zu sein. Doch derjenige musste wohl nachfragen, denn mein Fotograf nahm den Hörer vom Ohr und fragte: „Was möchten Sie, mein Herr?“

Verwundert schaute ich mich um. Hinter mir stand der Mann vom Schaufenster. „Ich hätte gern das 3-D-Bild mit der Frau!“

O, da muss ich Sie enttäuschen …“ Der Ladeninhaber unterbrach. „Entschuldigung!“ Dann wandte er sich zu mir: „Morgen! Reicht die Auskunft?“

„Geht’s etwas genauer?“

„Früh oder am Abend?“, fragte der Inhaber den Menschen am anderen Ende der Telefonleitung.

Dann nickte er. „Danke!“, hörte ich und „Morgen am späten Nachmittag so gegen 17.30.“ Wenn Sie 18 Uhr kommen könnten?“

Ich nickte freundlich zustimmend und verabschiedete mich. Ich äugte im Vorbeigehen noch zu meinem Hintermann. Doch der stand nur und wartete darauf, dass der Ladenbesitzer seine Antwort beenden würde.

Ich ging nochmals zum Schaufenster und schaute durchs Glas in den Laden. Viel konnte ich nicht sehen, aber als ich den Mann aus der Tür treten sah, wusste ich, „Michelle“ ist unverkäuflich. Ich weiß nicht warum, aber ich folgte einer Eingebung und lief dem Herrn hinterher. Er ging zum nahen Parkplatz und fuhr mit einem knallroten Auto davon. Ich konnte die Zulassungsnummer erkennen und suchte nach etwas Schreibbarem. Aber …, na Sie wissen schon … Natürlich fand ich nichts und so murmelte ich die Nummer immerzu vor mich hin. Auch war das einer der wenigen Augenblicke, dass ich bedauerte, kein Auto und keinen Führerschein zu besitzen. Ich weiß nicht warum, aber ich war fest der Meinung, dieser Mann weiß etwas von Michelle. Vielleicht ist er sogar …

Noch im Bus rief ich den Detektiv Mayers an. Er war nicht da, aber der Anrufbeantworter war eingeschaltet. Ich gab ihm den Zeitpunkt und die Autonummer an und bemerkte noch: „Vielleicht hilft das weiter. Ich habe da so‘n  dummes Gefühl.“

Verspätet kam ich zur Arbeit und erntete nur einen verwunderten Blick meines Chefs. „War was Wichtiges … Privates!“, erklärte ich. Mein Chef nickte verständnisvoll.

Jetzt brauchte ich Ablenkung, sonst denke ich nur noch an Michelle. Also kramte ich die Arbeit raus, die ich immer vor mir her geschoben habe – Statistik. Ich knurrte, als ich den PC einschaltete und frohlockte, als aus dem Sekretariat die hübsche Anne erschien und mir schon an der Tür freundlich zurief: „Dr. Malkow, ein Herr wünscht Sie zu sprechen! Privat und äußerst wichtig!“

Fast fuhr der Computer von alleine herunter, ich stürzte ins Sekretariat und erstaunt begrüßte ich den Detektiv Mayers. Das Erste, was mir durch den Kopf schoss, war: Der Mann ist wirklich gut! Laut sagte ich: „Ja, woher wissen Sie, wo ich arbeite?“

„Dr. Malkow“, antworte er grinsend, „Sie haben doch einen Detektiv engagiert – oder?“

Bei dem Wort „Detektiv“ schaute die hübsche Anne verwundert zu mir.

Also bugsierte ich den Detektiv nach draußen auf den Flur. Dort sagte der Herr Mayers sofort: „Genaueres bitte zu dem Herrn und der Zulassungsnummer.“

Ich stammelte und stotterte und erst als ich mir einen inneren Ruck gab, sagte ich: „Das ist nur mein Bauchgefühl. Ich weiß nicht warum, aber dieser Mann hat etwas mit Michelles Verschwinden zu tun.“

„Bauchgefühle sind manchmal gar nicht verkehrt. Wir registrieren, der ‚Kopf‘ verarbeitet, der ‚Bauch‘ übermittelt. Man muss es nur richtig lernen, das Ergebnis einzuordnen. Und Herr Dr. Malkow, Ihre Informationen können sehr wichtig werden. Ist dieser Mann eine ‚Sackgasse‘, so ist das auch nicht weiter tragisch. Ich melde mich morgen Abend bei Ihnen in der Wohnung. Hier im Institut sind zu viele neugierige Augen.“

Ja, das Institut hatte wirklich viele neugierige Augen. Besonders das weibliche Geschlecht beäugte mich kritisch, mitleidig oder nur neugierig. Fast hatte ich den Eindruck, dass die hübsche Anne drauf und dran war, zu fragen, warum ich einen Detektiv engagiert habe. Aber mein abweisender Gesichtsausdruck hielt sie gottseidank davon ab.

Am nächsten Abend stand ich pünktlich vor Ladenschluss im Fotoladen.

„Eine gelungene Arbeit“, schwärmte der Ladenbesitzer. „Das ist das Geld wert.“

Ich war wirklich ein Idiot. Ich bestelle mich in 3-D und muss dafür den halben Monatslohn hinblättern, d. h. ich zückte meine Plastik-Karte und hoffte auf die Kulanz der Bank.

Die Bank erlaubte mir, mein Konto kräftig zu überziehen und der Herr Ladenbesitzer bedankte sich überschwänglich bei mir für den Auftrag.

Ich trug mein teures „Ich“ in 3-D nach Hause, denn der Bus fuhr mir vor der Nase davon. Und eine Stunde warten, nein – da war ich in einer ¾ Stunde schon zu Hause. Und dort saß bereits der Herr Mayers auf den Treppenstufen im Hausflur.

Als ich verwundert fragte: „Wer hat Sie denn eingelassen?“, meinte er nur feixend: „Ich hätte auch drinnen warten können. Ihr Schloss ist eine Einladung zum Eintreten.“

In der Wohnung steuerte er die Küche – genauer die Kaffeemaschine an, füllte Wasser ein und bemerkte lakonisch: „Brauche ich jetzt dringend, bin seit heute Morgen unterwegs.“

Mir war das zwar schleierhaft, was er den ganzen Tag getrieben haben mag – vielleicht hat er ja noch einen Auftrag erhalten, aber fragen wollte ich nicht. So sagte ich nur: „Kaffee im Schrank oben rechts.“ Und der Herr Detektiv benahm sich so, als würde er mit mir die Wohnung teilen. Er entdeckte im Schrank die Kaffeepötte, stellte beide auf den kleinen Tisch am Fenster und setzte sich auf einen der beiden Stühle.

„Lassen Sie mal sehen“, meinte er dann und meinen konnte er nur mein 3-D-Bild. So reichte ich ihm das Kunstwerk. Er begutachtete es äußerst genau, suchte mit einer Lupe nach Zeichen, prüfte die Glasmasse mit einem Taschenmesser, betrachtete sich das Bild von nah und aus der Ferne.

„Gute Arbeit!“ Ich nickte nur zustimmend, denn ich fand mich ausgesprochen attraktiv in 3-D.

„Was haben Sie bezahlt?“ Als ich ihm die Summe nannte, grinste er: „Zu teuer! Total überteuert! Na ja, aber schön!“

Was sollte ich dazu sagen. Es war mein Geld, mein halber Monatsverdienst und nun erkundigte sich mein Detektiv auch noch nach den 150 Euro, die ich ihm als Auslagen vorschießen sollte. „Meine Quittung haben Sie doch?“

Herrjeh, die Quittung! An die habe ich doch gar nicht gedacht, auch nicht daran, überhaupt den Briefkasten zu öffnen. Ich war ohne Familie, ohne Anhang – wer sollte mir schreiben?!

„Ich schreibe dann eine über 200 aus.“

Peinlich! Ich hatte noch 10 Euro im Portemonnaie. „Ich hab, Herr Mayers, ich hab das glatt vergessen. Ich muss erst auf die Bank.“

Ein prüfender Blick – ein sehr prüfender Blick und dann: „Na ja, Sie laufen mir ja nicht davon. Könnten Sie morgen wenigstens einen 100-er auftreiben? Ich bin nämlich auch mächtig knapp bei Kasse und … ich würde sie mir morgen Abend abholen. Und morgen ist der entscheidende Tag. Ich besuche diese Firma und erhoffe mir, dass ich den Namen des Fotografen herausbekomme, der Ihre Michelle fotografiert hat. Dann besprechen wir auch, wie es weiter gehen soll.“

Der Kaffee war durchgelaufen. Es roch in der ganzen Küche nach Kaffee. Ich goss die beiden Pötte voll und erkundigte mich, wie er weiter vorgehen wolle.

„Das ergibt sich dann schon. Ich habe den Namen des Mannes, bei dem Ihr Bauch sagte, das ist der Bösewicht, ich kenne die kleine Produktionsfirma und wenn alles passt und mein Bauchgefühl recht behält, haben Sie in Kürze Ihre Michelle wieder.“

„Was?! Wirklich?!“

„Na ja“, sagte er grinsend, „ist mein Bauchgefühl!“

Ich war richtig euphorisch. In Kürze werde ich meine Michelle in die Arme nehmen können! In Kürze …

Völlig unvermittelt schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, den ich sofort in eine Frage umsetzte: „Was sind Sie überhaupt von Beruf?“

„Detektiv!“

Die Frage passte meinem Gegenüber nicht. Ich ließ nicht locker: „Früher, Herr Mayers?“

„Beamter!“

„Polizei?“

„Ja!“

„Kriminalpolizei?“

„Ja!“

„Und warum nicht mehr?“

„Habe Dienst quittiert. Bin ausgemustert worden. Abgeschoben in Innendienst. Keine Arbeit für mich – auch wenn ich Invalide bin. Bitte keine Fragen mehr!“

Das war sein wunder Punkt und ich respektierte zukünftig seine Bitte. Aus eigenem Erleben weiß ich, dass man oftmals lange Zeit braucht, um ein tragisches Ereignis innerlich zu bewältigen. Mein Mitgefühl hatte er auf alle Fälle.

Der nächste Arbeitstag ging und ging nicht vorbei. Ich schaute immer zu auf die Uhr und dachte immerzu nur an Michelle. Dann kam die Ernüchterung, fragte mich doch mein Chef nach der Statistik, die bis zum heutigen Tag fertig sein sollte. Ich stotterte etwas Unverständliches als Entschuldigung zusammen, mein Chef prüfte mein rot angelaufenes Gesicht und bemerkte freundlich lächelnd: „Also dann bis 15 Uhr auf meinem Schreibtisch, mein lieber Malkow!“

O weh, wenn der Chef lächeln „Mein lieber …“ sagt, dann duldet er keinen Aufschub, keine Ausrede, dann – ja, dann muss dieses „ES!“ um 15 Uhr auf seinem Schreibtisch liegen oder …

Aber an das negative „oder“ wollte ich gar nicht denken. Jetzt war es 10 Uhr, also genügend Zeit für die ungeliebte Statistik. Ich verschloss meine Bürotür, legte den Telefonhörer daneben und veranlasste mein Gehirn, auf „Statistik“ umzuschalten. Und dass dies ging, habe ich während des Studiums und beim Schreiben meiner Doktorarbeit mehrfach bewiesen.

Um 14 Uhr war ich fertig. Ich überflog die Exeltabellen auf dem Bildschirm – alles o.k., ich brauchte nichts verändern.

Jetzt war ich wieder für meine Umwelt erreichbar. Ich schloss mein Zimmer auf und legte den Telefonhörer auf. Keine 3 Minuten später klingelte das Telefon auch schon. Die hübsche Anne sagte: „Eine Nachricht liegt im Sekretariat für Sie bereit, Dr. Malkow.“

Kaum hatte ich die Sekretariatstür geöffnet, als auch schon ein Redeschwall auf mich niederprasselte. Der Kern der vielen Sätze lautete in etwa: „Herr Dr. Malkow, in unserem Institut werden keine Türen verschlossen und keine Telefonhörer abgenommen, wenn die mitarbeitende Person im Hause ist. Sie haben Glück, dass der Professor Sie nicht sprechen wollte.“

Ich gelobte Besserung und schickte noch schnell ein Kompliment über den neuen Pulli hinterher, und als ich dann noch beim Rausgehen bemerkte: „Tolle Figur!“, da war die hübsche Anne wieder versöhnt.

Trotzdem hatte sie mich so durcheinandergebracht, dass ich doch glatt vergessen hatte, zu fragen, welche Nachricht sie für mich hatte.

Also auf dem Absatz kehrtgemacht und nochmals ins Sekretariat. Dort stand schon die schöne Anne und schwenkte mit lächelndem Blick einen Zettel. „Ein gewisser Mayers hat mehrfach angerufen und da Sie nicht erreichbar waren, soll ich Folgendes bestellen: „Heute Abend 18 Uhr in Ihrer Wohnung! Morgen den ganzen Tag freinehmen!“

Ich griff nach dem Zettel, überflog ihn und bedankte mich höflich. Die hübsche Anne konnte es sich nicht verkneifen zu fragen: „Ist dieser Mayers der Detektiv? Suchen Sie eine neue Freundin?“

Ihr Lächeln war unergründlich. (Erst viel später erfuhr ich durch einen Zufall, dass ich als Junggeselle und Doktor für alle unverheirateten jungen Frauen Mittelpunkt ihrer Aktivitäten war.) Ich wehrte nur verlegen lächelnd ab und verschwand in mein Büro. Dort nahm ich mir Zeit, einen Kaffee zu brühen und überlegte, warum der Mayers wollte, dass ich mir den ganzen Tag freinehme. Zu einem Ergebnis kam ich nicht, dafür zeigte die Uhr auch schon 5 vor 15 Uhr. Startsignal für mich.

Im Zimmer des Chefs vernahm ich dann: „Pünktlich wie immer!“ Und als er im Computer die Tabellen aufrief und überflog, sagte er gönnerhaft: „Tiefgründige Arbeit, Malkow!“

Da ich jetzt nur „Malkow“ und nicht „Mein lieber Malkow“ war, wusste ich, ich habe „Pluspunkte“ gesammelt, auch wenn die Anzüglichkeit auf meine Pünktlichkeit mich ärgerte.

„Herr Professor, ich möchte morgen einen Tag Urlaub nehmen. Es geht um Wichtiges und Unaufschiebbares! Genehmigen Sie es bitte!“

„Liegt etwas an, was terminlich gebunden ist?“, fragte mein Chef noch und als ich verneinte, meinte er: „Genehmigt und ich hoffe, wieder einen lebensbejahenden jungen Doktor übermorgen begrüßen zu können. Und nun gehen Sie nach Hause und erholen Sie sich von der Statistik.“ Ja, so war er der alte Herr.  

Ich lief auf dem kürzesten Weg nach Hause. Allerdings verzichtete ich auf den Bus, wollte ich doch noch zur Bank, um von meinem Sparbuch 2.000 Euro abzuheben.. Zu Hause bereitete ich mein Abendbrot vor und kaum, dass der Tee aufgebrüht war, klingelte es auch schon an der Haustür.

Das Erste, was ich vom Herrn Mayers hörte, war: „Tee? Könnte ich einen Kaffee bekommen?“

Ich brühte einen Kaffee auf und Herr Mayers schielte auf die fertiggeschmierten Schnitten. „Für mich?“, fragte er und ohne auf eine Antwort wartend, griff er schon zu. „Hab heute noch nichts in den Bauch bekommen! Schmeckt gut! Soll ich was übrig lassen?“

„Nur für Sie“, knurrte ich leicht verärgert.

Mein leicht gereizter Unterton schien Herrn Mayers nicht zu stören. Danach, wie schnell er aß, glaubte ich ihm, dass er großen Hunger hatte. So verzieh ich ihm seine Frechheit und fragte: „Warum soll ich mir freinehmen?“

„Gleich, Dr. Malkow! Nur noch das halbe Schnittchen!“

Dann hörte ich seinen Kurzbericht: „Habe heute fast nur im Auto gesessen und beobachtet. Es passt alles zusammen. Die Erkundigungen, die ich über ‚Ihren Bösewicht‘ eingeholt habe, sprechen auch dafür. Übrigens ist das der Fotograf, der das Bild Ihrer Michelle an diese kleine Firma verkauft hat. Haben Sie ein Auto?“

Völlig unvermittelt kam seine Frage. „Kein Auto, kein Führerschein!“, antwortete ich.

„Gut, ich hole Sie um 7 Uhr ab. Machen Sie sich auf einen langen Tag gefasst.“ Er ging zur Kaffeemaschine und goss sich einen großen Pott voll. Dann setzte er sich zu mir an den Tisch und begann, den kochend heißen Kaffee zu schlürfen. Für mich ist es heute noch unerklärlich, wie ein Mensch solch heißen Kaffee trinken konnte. Herr Mayers konnte es jedenfalls.

Erwartete ich jetzt noch einen genauen Lagebericht, Einzelheiten oder auch nur etwas Optimistisches, so war ich auf dem Holzweg.

Er sagte nur zwischen zwei Schlürfern: „Zu 99 % halten Sie morgen Ihre Michelle im Arm. Mehr brauchen Sie nicht zu wissen.“ Nach dem nächsten Schluck meinte er noch: „Das regt Sie sonst vielleicht nur auf, und ich brauche morgen einen ausgeruhten Mitarbeiter.“

Jetzt war ich also sein Mitarbeiter. Schon wollte ich fragen, ob ich auf seiner Gehaltsliste stehe, da fielen mir die 100 Euro ein. Großzügig holte ich zwei Grüne aus dem Portemonnaie und er steckte sie leise „Danke!“ murmelnd ein.

Fünf Minuten später verschwand er mit meinem Abendbrot und meinem Kaffee im Bauch und meinem Geld in der Tasche. Er hinterließ einen Grübelnden, der mit dem Satz nicht klar kam: „Das regt Sie sonst vielleicht nur auf.“

Mich regte jetzt alles auf. In diesem Zustand konnte ich nicht schlafen. Auch hatte ich Sorge, dass ich wieder von Michelle träume – wie sie mir Hilfe suchend die Arme entgegenstreckt. Jetzt wollte ich ihre Arme nur in Echtzeit sich um mich schlingend ertragen – so dachte ich und beschloss, vor dem Fernseher wach zu bleiben.

Das Abendprogramm war zum Einschlafen und ich schlief - traumlos. Um fünf schreckte ich hoch. Gottseidank, ich hatte es nicht verschlafen. Ich konnte duschen, frühstücken und sogar noch die Nachrichten hören. Ab um 6 saß ich startbereit, aber der Herr Mayers hatte doch 7 Uhr gesagt. Nun – er enttäuschte mich nicht: Um 6.30 Uhr klingelte es und ein freundliches „Guten morgen!“ wurde von einem noch freundlicherem „Aber hier riecht es schön nach Frischgebrühtem!“ mir entgegengeschmettert.

Ich schraubte die Thermoskanne auf, doch da lehnte der Herr Mayers ab. „Die nehmen wir mit! Es kann ein langer Tag werden!“

So brühte ich nochmals Kaffee auf und dankbar schlürfte Herr Mayers das heiße Getränk.

Dann saßen wir im Auto und Herr Mayers fuhr ans andere Ende der Stadt. So 80 m vor einem allein stehenden Haus hielt er an. Darauf achten, dass der Blick auf das Haus stets frei bleiben kann.

Jetzt bekam ich seine Instruktionen: „Zuerst Doktor: Sie machen nur das, was ich sage! Und zweitens: Sie benehmen sich völlig unauffällig! Und drittens: Jetzt müssen wir noch die Handys abgleichen!“

Verflucht – Handy? Hab ich das überhaupt eingesteckt. Ich begann zu kramen und fluchte leise. „Vergessen!“

„Na ja, ist nicht schlimm, Dr. Malkow. Nehmen Sie dieses!“

Mayers reichte mir ein Handy und bemerkte: „Meine Handynummer ist bereits abgespeichert. Jetzt probieren wir, ob wir auch nicht in einem Funkloch sitzen. Ich gehe mal zum Haus.“

Er schlenderte, na ja, er hinkte langsam zum Haus und zückte das Handy, Zeichen für mich, ihn anzurufen.

Hatte ich mich schon gewundert, dass er dieses Handy das gleiche Fabrikat wie mein eigenes war, war ich jetzt umso erstaunter, dass meine persönlichen Nummern abgespeichert waren.

„Verdammt, das ist doch mein eigenes Handy!“, knurrte ich ins Telefon. Und was hörte ich: „Schön, dass Sie‘s gemerkt haben. Es lag so einsam auf dem Küchenbord!“

Detektiv Mayers hinkte zum Auto. Grienend öffnete er die Tür und setzte sich hinters Steuer.

„Jetzt muss er bald kommen. Er verlässt kurz vor 8 Uhr sein Haus und geht ins Atelier. Das ist zwar nur ein großes Zimmer mit riesigen Fenstern, aber dort arbeitet er bis Mittag. Wir hätten also genügend Zeit für unsere Aktion.“

Es war ¾ 8, 10 vor 8, 8 Uhr – kein Mann verließ das Haus.

„Herr Mayers, was ist, wenn er das Haus nicht verlässt?“

„Dann kann er nur krank sein, - aber er kommt.“

Während ich vor Anspannung zu schwitzen anfing, kurbelte mein Detektiv in aller Ruhe an seinem Radio, um einen klaren Sender zu empfangen.

„Herr Mayers, er kommt nicht. Es ist gleich viertel 9!“

„Er kommt, er kommt! Der Mann ist sehr geschäftstüchtig. Vielleicht regelt er noch was.“

Keine 5 Minuten später erschien der Mann – es war mein „Bösewicht“. Mit dem Handy am Ohr und wild mit den Armen „diskutieren“, öffnete er so „nebenbei“ die Garage. Ein rotes Auto fuhr heraus. Wir erkannten den Mann, der immer noch das Handy am Ohr hatte. Die Garage schloss sich automatisch.

„Wir warten 5 Minuten, dann gehe ich ins Haus. Wenn Ihre Michelle erscheint, bringen Sie sie schnell ins Auto. Dort soll sie sich ducken. Wenn der Mann zurückkommt oder ein anderer das Haus betreten will, dann rufen Sie mich mit Ihrem Handy an. Alles klar?“

Ich nickte. Dann: „Haben Sie denn einen Hausschlüssel?“

Meine Frage war wirklich saublöd und ich erhielt auch keine Antwort.

Wenn ich zurückdenke, kommt mir alles so einfach vor. Der Detektiv hinkte zum Haus, fummelte einige Sekunden am Schloss der Haustür. Fünf Minuten später öffnete er wieder die Tür, schaute die Straße entlang, griff nach hinten und zog eine junge Frau nach draußen.

„Es ist Michelle!“, jubelte es in mir! Meine Michelle! Doch was ist? Sie hält sich die Hände vor das Gesicht und stolpert fast die Treppen hinunter. Ich reiße die Autotür auf, renne zu Haus, nehme meine Michelle im Arm, flüstere: „Es ist alles gut!“ und führe sie vorsichtig zum Auto.

„Versteck dich auf dem Rücksitz“, sage ich nur und konzentriere mich wieder aufs Haus.

„Warum kommt der Kerl nicht?“, flüstere ich leise. „Was ist denn nur los, wir müssen doch weg!“ Aber der Mayers erschien nicht.

Dann endlich – nach 10 Minuten steht er vor der Tür, fummelt wieder am Haustürschloss und hinkt seeelenruhig zu uns.

„Geschafft!“, sagt er und setzt sich hinters Lenkrad. „So Doktor, Sie rutschen jetzt nach hinten zu Ihrer Michelle, nehmen Sie sie in den Arm und beruhigen Sie sie. Wir fahren jetzt alle zum Präsidium.“

Ich saß augenblicklich neben Michelle. Die umschlang mich und flüsterte zwischen Tränen: „Georg! Georg!“ Ihr Weinen ging in einen Weinkrampf über, sie schluchzte – es war, als wollte sie mit ihren Tränen alles Furchtbare „wegspülen“.

Der Detektiv hatte das Auto gestartet und fuhr in einem rasanten Tempo durch die Stadt. Er überholte dort, wo ein normaler Autofahrer garantiert nicht überholt, das „Gelb“ war für ihn „Grün“ und das „Rot“ wohl „Gelb“! Selbst das Blitzen an der radarüberwachten Ampel schien ihn nicht zu kümmern. Er hielt vor dem Polizeipräsidium im absoluten Halteverbot.

„Schnell, kommen Sie“, rief er uns zu und fast schob er uns zum Eingang. Doch jetzt stürmte ein Uniformierter zu uns. „Aber so geht das nicht!“, schrie der schon von weitem.

„Doch!“, schnauzte mein Detektiv. Und der Polizist? „Menschenskind, der Mayers!“, rief der jetzt erfreut. „Willkommen zu Hause, Herr Kommissar!“

„Schulze, der Zündschlüssel steckt. Fahren Sie das Auto auf den Parkplatz. Dann rufen Sie die Verkehrsheinis an und geben Sie ihnen meine Autonummer. Sie sollen mir keine Strafzettel schicken. Es war dienstlich!“

„Jawohl, Herr Kommissar! Sie können sich drauf verlassen!“ Und der altgediente Polizist Schulze schlug sogar die Hacken militärisch zusammen.

Wir betraten das Gebäude. An der Pförtnerloge rief eine Frau in Polizeiuniform: „1. Stock, Zimmer 14! Sie werden erwartet!“

Mein Detektiv hinkte die Treppe hoch. Zur Unterstützung zog er sich mit aller Kraft am Geländer hoch. „Kommen Sie! Kommen Sie!“

Wir wussten nicht, was los ist. Michelle mit ihrem verheulten Gesicht und ich wussten nicht, was jetzt hier ablief. Mayers riss die Tür auf, drinnen erhoben sich drei Männer und eine Frau. Alle trugen Zivilkleidung.

„Sind die Frauen da?“, fragte Mayers. Die Frau öffnete die Nebentür und winkte. Sechs junge Frauen, alle blond, traten ein und stellten sich vor uns hin.

„Wird das Haus bewacht?“, fragte Mayers. Einer der Männer antwortete: „Vier in zwei Autos und zwei auf der Straße. Das dürfte reichen.“

Mayers drehte sich zu Michelle um. „Bitte, Michelle, es ist vorbei! Jetzt können Sie uns helfen! Waschen Sie sich bitte im Nebenraum Ihr Gesicht. Dann kommen Sie wieder zu uns.“

Mayers nickte mir zu, was nichts anderes heißen konnte, ich sollte Michelle begleiten. Da die Tür hinter uns geöffnet blieb, konnte ich gut verstehen, was im Nebenraum gesagt wurde.

Mayers sprach zu den Frauen: „Sie sind freiwillig bereit, eine sehr gefährliche Aufgabe zu übernehmen. Sie sind sich bewusst, es kann auch sehr schlimm für Sie enden. Diejenige von Ihnen, die dem Opfer am ähnlichsten sieht, wird die Aufgabe übernehmen.“

Michelle hatte sich das Gesicht mit kaltem Wasser gewaschen. Sie fasste meine Hand und wir gingen so ins Nebenzimmer.

„Michelle, bitte hier!“ Mayers schob Michelle zu den sechs blonden Frauen. Und die mussten sich abwechselnd neben Michelle stellen. Schließlich einigten sich die Anwesenden – einschließlich meiner Person, obwohl ich nicht gefragt wurde - auf eine der Frauen. Wirklich eine schöne junge Frau – natürlich nicht mit meiner Michelle vergleichbar – aber wirklich schön!

Fünf Frauen verließen wohl doch etwas erleichtert das Zimmer. Mayers stellte jetzt meiner Michelle noch Fragen: „Er hat Sie nur am ersten Tag fotografiert?“, „Sie waren dann nur in dem dunklen Raum mit der Notbeleuchtung?“, „Das Essen und Trinken bekamen Sie durch die Türklappe?“, „Die Toilette war im Raum?“ und … und … und …

Michelle musste nur mit dem Kopf nicken oder den Kopf schütteln.

Mayers wandte sich an die blonde Polizistin: „Haben Sie noch Fragen?“ Die verneinte und dann sagte doch der Mayers zu Michelle: „Michelle, jetzt bräuchten wir noch Ihre Kleidung - Pulli, Hose, Schuhe! Ja?“

Mayers schaute sich zu den Polizisten in Zivil um. Die Frau langte zu einem Stuhl und brachte Hose, Bluse, Jacke, Schuhe. „Müsste passen!“, sagte sie freundlich  lächelnd. „Kommen Sie!“

Sie entführte Michelle und die blonde hübsche Polizistin in den Nebenraum.

Ich muss wohl bei all diesen Vorgängen zwischenzeitlich ein sehr dämliches Gesicht gemacht haben. Mayers bemerkte jetzt: „Wenn alles klappt, gelingt uns heute oder in den nächsten Tagen ein großer Fang. Niemand weiß davon, außer den Leuten, die hier in den Räumen sind. Sie nehmen Ihre Michelle zu sich nach Hause. Im Haus Ihrer Michelle sind bereits Beamte. Dort kann Ihre Freundin nicht hin – bis ich Entwarnung gebe. Also, Sie nehmen Ihre Michelle zu sich, legen sich am besten ins Bett und erholen Sie sich von der Aufregung. Ach ja, Sie müssen ja arbeiten?“

Mayers drehte sich zu den Männern in Zivil um. „Kleiner Unfall? Drei Tage Krankschreibung? Das Wochenende – das müsste reichen!“

Einer der Männer antwortete nur: „Wird alles veranlasst!“ Ein anderer fragte: „Essen täglich vor die Tür?“

Mayers antwortete: „Na ja, die jungen Leute werden doch nicht nur im Bett liegen. Bringt es schon rein. Aber mit Klingeln!“ Mayers feixte.

In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet und ein älterer Beamter in Uniform betrat den Raum. Alle Anwesenden, einschließlich meines Detektivs Mayers nahmen Haltung an. Ich erklärte mir das so: „Das muss ein ‚hohes Tier‘ sein!“

Und als das „hohe Tier“ mit „Herr Präsident“ angeredet wurde, wusste ich, dass es der Polizeipräsident war. Er kam zuerst zu mir, gab mir die Hand und bedankte sich: „Dr. Mayers, wir sind Ihnen und Ihrer Freundin für Ihre Hilfe zu großem Dank verpflichtet!“

Nun wusste ich nicht, wie ich geholfen haben sollte, denn Mayers hat mir geholfen und meine Michelle befreit, aber … einem Polizeipräsidenten nimmt man solch kleine Ungenauigkeiten nicht übel.

„Kommissar Mayers, Sie hatten mal wieder den richtigen Riecher. Klappt alles so, wie Sie es möchten?“

„Jawohl Herr Präsident, alles läuft, wie verabredet. Nur – ich bin kein Kommissar mehr. Nur noch Mayers!“

„Schade, wirklich schade – Sie wissen ja, ich habe ein Hintertürchen für Sie gelassen. Sie müssen nur ‚Ja!‘ sagen.“

Mein Detektiv Mayers reagierte gar nicht auf den Vorschlag seines ehemaligen obersten Chefs. Er schien erleichtert, als die drei Frauen aus dem Nachbarraum wieder ins Zimmer traten. Der Herr Polizeipräsident begutachtete die beiden Frauen - Michelle und die blonde Polizistin - und meinte: „Nicht perfekt, aber sehr ähnlich. Hübsch!“

Also damit war ich nicht einverstanden! Die Polizistin war wirklich hübsch, aber meine Michelle war sehr hübsch! Na ja, was soll man von alternden Präsidenten auch für Urteile über Frauen verlangen.

Kaum hatte der oberste Polizist den Raum verlassen, da übernahm Ex-Polizist Mayers wieder das Kommando: „Dr. Malkow, Sie werden jetzt nach Hause gefahren. Unauffälliges Zivilfahrzeug! Noch Fragen?“

Ich schüttelte den Kopf. Ich glaube, dies hatte der Mayers schon gar nicht mehr gesehen. Er nickte der hübschen Polizistin, die in Michelles Kleidung wirklich meiner Michelle noch ähnlicher sah, zu und beide verschwanden. 

Ich wurde mit Michelle von einem Polizisten in Zivil zu einem Hinterausgang geführt. Dort stiegen wir in einen uralten klapprigen VW ein und über einen „Beinahe-Feldweg“ kamen wir in ein ganz anderes Stadtviertel. 10 Minuten später öffnete ich die Haustür.

Michelle versuchte die ganze Zeit, meine Hand nicht loszulassen. Selbst in der Wohnung, ich brühte schnell einen guten Kaffee auf, blieb sie dicht bei mir. Gesprochen hat bis jetzt keiner von uns viele Worte. Das blieb auch so, als Michelle nach einem Bad verlangte. Ich konnte ihr nur eine Dusche bieten, aber da bestand sie darauf, dass ich mit ihr dusche. Sie wollte auf keinen Fall allein im Zimmer bleiben, auch nicht im Badezimmer. So genoss ich das Vergnügen, mit meiner Michelle unter der Dusche zu stehen. Als sie sich in einem meiner Schlafanzüge auf der Couch an mich kuschelte, öffnete ich eine Flasche guten Weines, um auf ihre Rettung anzustoßen. Der Wein endlich lockerte ihre Redeblockade. Sie redete und redete, sie redete sich ihre ganze ausgestandene Angst von der Seele. Ich saß nur neben ihr und hörte zu. Was war geschehen: Michelle wurde an dem Sonnabend, sie war auf dem Weg zu mir, von einem Mann angesprochen, der vorgab, sie für ein Werbefoto fotografieren zu wollen. Er versprach ihr 200 Euro für eine Arbeit, in der sie nur posieren brauchte. Er hatte die richtigen Worte gebraucht, um eine Frau zu ködern. Ja, wenn es um Schönheit geht, da werden Frauen schwach. Vor allem, wenn sie hören, dass nur sie … na Sie wissen schon!

Michelle posierte, der Fotograf knipste in seinem Atelier. Hunderte Aufnahmen in verschiedensten Posen bräuchte er – so sagte mir Michelle. Die Scheinwerfer im Studio waren heiß, Michelle erbat sich ein Wasser und dann wusste sie nichts mehr. Aufgewacht ist sie in einem Verlies. Nur eine kleine Lampe brannte immerzu - Tag und Nacht. Bald wusste sie nicht mehr, wann es morgens oder abends war. In regelmäßigen Zeiträumen bekam sie das Essen durch das Türfenster gereicht. Ihr Kerkermeister war der Fotograf. Entgegen seiner sonstigen Überredungskünste schwieg er  - auch auf alle Fragen, die ihm Michelle stellte. Selbst auf gröbste Schimpfwörter reagierte er nur mit einem Lächeln.

Michelle glaubte, verrückt zu werden. Dann erinnerte sie sich, dass sie ein Buch über Telepathie gelesen hatte. Und jetzt vertrieb sie sich die Angst, indem sie nur an mich dachte und mich bat, sie zu befreien. Ich wurde für sie zur einzigen Person, der sie vertraute. Sie war eine Waise, war erst kurz in dieser Stadt angekommen und kannte sonst nur einige wenige Leute von ihrer Arbeitsstelle.

Als Naturwissenschaftler habe ich zwar meine Zweifel, was diese Parapsychologie betraf, aber meiner Michelle half es im Kampf, nicht verrückt zu werden. Als dann der Detektiv Mayers ihren Kerker öffnete, hatte sie zuerst furchtbare Angst, die ihr der Mayers erst nehmen konnte, als er meinen Namen nannte – nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder. Dann erst kam sie freiwillig aus ihrem Gefängnis.

Und nun saß sie neben mir, schmiegte sich an mich und flüsterte: „Du lässt mich nie mehr allein, stimmt’s!“

„Ja“, hauchte ich und trug meine Michelle ins Bett.

 Es war eine wunderschöne Nacht, ach was – es waren wunderschöne Tage und Nächte. Die Polizei versorgte uns jeden Tag mit dem Lebensnotwendigen, Detektiv Mayers kam und berichtete, dass sie einen Großteil eines international agierenden Menschenhändlerringes festsetzen konnten. Und als uns Mayers noch einmal aufsuchte, luden wir ihn zu unserer Hochzeit ein. Und der Mayers – er war gar nicht darüber verwundert. Schmunzelnd nahm er die Einladung an und bemerkte dann: „Wenn Sie mich jetzt auszahlen könnten, könnte ich als Hochzeitsgeschenk das Festessen spendieren.“

Ja, so war der Mayers. Er erhielt seine 1750 Euro, knautschte die Scheine zusammen und steckte sie in die Jackentasche. Dann empfahl er uns noch ein 5-Sterne-Restaurant für die Hochzeitsfeier und hatte schon wieder keine Zeit. Er schien besessen von seiner Arbeit. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dieser „Ring“ – so nannte er immer nur diese mafiose Vereinigung – war Schuld an seinem Hinkebein. Aber das kann Ihnen der Detektiv und Ex-Kriminalpolizist Mayers selbst erzählen.

 

Interesse an der Fortsetzung?  Hier: "Der Ring"