Kindergedichte aus längst vergangener Zeit (Schatz deutscher Kindergedichte)

Sei willkommen, lieber Frühling! Sei gegrüßt viel tausendmal!
Sei willkommen, lieber Frühling! Sei gegrüßt viel tausendmal!

 

Der Luftballon (von Heinrich Seidel)

 

Das war wohl nicht nach deinem Sinn,

o weh, mein kleiner Hans!

Da fliegt dein Luftballon dahin

im Morgensonnenglanz.

 

Und die alten Leute um und um,

sie stehn und sehn empor

und freun sich gar und lachen drum,

dass Hänschen ihn verlor.

 

Der gute Vater spricht: "Ja, ja!

Das kommt davon, mein Sohn!"

"Natürlich!", sagt die Frau Mama,

"das dacht' ich längst mir schon!"

 

Da geht er ab und segelt fort -

empor mit leichtem Flug -

und sucht sich einen anderen Ort:

Die Welt ist groß genug.

 

In blaue Luft steigt er gemach,

und unerreichbar fern

verstrahlt er überm Kirchendach

grad wie ein roter Stern.

 

Nach Süden segelt er geschwind,

zum fernen Afrika,

wo all die schwarzen Menschen sind,

und bald schon ist er da!

 

Wie dann sich wohl die Kinder freun

und alles tanzt und springt,

wenn übermorgen um halb neun

er dort heruntersinkt!

 

 

Hinaus ins Freie (von H.H. von Fallersleben)

 

Wie blüht es im Tale,

wie grünt's auf den Höh'n!

Und wie ist es doch im Freien,

im Freien so schön!

 

Es ladet der Frühling,

der Frühling uns ein:

Nach der Weidenflöte sollen

wir springen den Reih'n.

 

Wer wollte nicht tanzen

dem Frühling zulieb,

der den schlimmen langen Winter

uns endlich vertrieb?

 

So kommet, so kommet

ins Freie hinaus!

Wann die Abendglocke läutet,

geht's wieder nach Haus.

 

Großes Scheuerfest (von Gustav Falke)


Der Himmel hat die ganze Nacht

viel Wasser ausgegossen,

auch schwang der Sturm mit aller Macht

den Besen unverdrossen.

Seht nur, wie alles blitzt und lacht!

Das nenn ich gründlich rein gemacht.

 

Doch gäb es in der blanken Welt

noch nasse Schuh‘ und Socken,

wär nicht Frau Sonne schon bestellt,

die macht nun alles trocken.

Seht nur, wie sich die Alte müht

und rot im schönen Eifer glüht!

 

April (von Heinrich Seidel)


April! April!

Der weiß nicht, was er will.

Bald lacht der Himmel blau und rein,

bald schaun die Wolken düster drein,

bald Regen und bald Sonnenschein!

Was sind mir das für Sachen,

mit Weinen und mit Lachen

ein solch Gesaus zu machen!

April! April!

Der weiß nicht, was er will.

 

O weh! O weh!

Nun kommt er gar mit Schnee

Und schneit mir in den Blütenbaum,

in all den Frühlingswiegentraum!

Ganz gräulich ist’s, man glaubt es kaum;

Heut Frost und gestern Hitze,

heut Reif und morgen Blitze,

das sind so seine Witze!

O weh! O weh!

Nun kommt er gar mit Schnee!

 

Hurra! Hurra!

Der Frühling ist noch da!

Und treibt der raue Wintersmann

Auch seinen Freund, den Nordwind, an

Und wehrt er sich, so gut er kann,

es soll ihm nicht gelingen;

denn alle Knospen springen,

und alle Vögel singen.

Hurra! Hurra!

Der Frühling ist doch da!

 

Regenwetter (von Friedrich Halm)

 

Was ist das für ein Wetter heut!

Es regnet ja wie toll!

Die Straße ist ein großer See,

Die Gosse übervoll.

 

Der Sperling duckt sich unters Dach,

So gut er eben kann,

Und Karo liegt im Hundehaus

Und knurrt das Wetter an.

 

Wir aber haben frohen Mut

Und sehn dem Regen zu,

Erzählen uns gar mancherlei

Daheim in guter Ruh.

 

Lass regnen, was es regnen will!

Lass allem seinen Lauf!

Und wenn’s genug geregnet hat,

So hörts auch wieder auf.

 

Willkommen, lieber Frühling (von H.H. von Fallersleben)

 

Sei willkommen, lieber Frühling!

Sei gegrüßt viel tausendmal!

Lieber Frühling, bleib recht lange,

lang‘ in unserm stillen Tal!

 

Dir zu Ehren sollen schallen

unsere Flöten und Schalmein,

und wir wollen dir zu Ehren

tanzen unsern Ringelreih’n.

 

Und wir wollen Kränze winden

und uns schmücken schön wie du,

und wir wollen Lieder singen

und so fröhlich sein wie du.

 

Das Huhn und der Karpfen (von Heinrich Seidel)

 

Auf einer Meierei,

da war einmal ein braves Huhn,

das legte, wie die Hühner tun,

an jedem Tag ein Ei

und kakelte,

mirakelte,

spektakelte,

als ob’s ein Wunder sei!

 

Es war ein Teich dabei,

darin ein braver Karpfen saß

und stillvergnügt sein Futter fraß,

der hörte das Geschrei:

Wie’s kakelte,

mirakelte,

spektakelte,

als ob’s ein Wunder sei.

 

Da sprach der Karpfen: „Ei!

Alljährlich leg ich ‚ne Million

Und rühm mich des mit keinem Ton;

Wenn ich um jedes Ei

So kakelte,

mirakelte,

spektakelte –

was gäb’s für ein Geschrei!“

 

Hans und die Spatzen (von Rudolf Löwenstein)

 

"Ach Vater, sprich, wie fang ichs's an,

dass ich Spatzen fangen kann?

Die Spatzen!"

 

Der Vater spricht: "So streu, mein Hans,

hübsch Salz auf den Schwanz!

Den Spatzen!"

 

Drauf nimmt er eine Handvoll Salz

und lauert mit gestrecktem Hals

auf Spatzen.

 

Und als der erste sich gesetzt,

schleicht er heran: Dich krieg ich jetzt,

dich Spatzen.

 

Das Spätzlein aber flog husch, husch,

hinweg zum nächsten Lindenbusch.

Ach, Spatzen!

 

"Sie halten, Vater, ja nicht still,

wenn ich das Salz hinstreuen will,

die Spatzen!"

 

"So lass die Spatzen, Hans, in Ruh!

Sie sind halt klüger doch als du,

die Spatzen."


Im See (von Adolf Holst) 


Heute ist das Wasser warm,

heute kann´s nicht schaden,

schnell hinunter an den See,

heute geh´n wir baden.

 

Eins-zwei-drei- die Hosen aus,

Stiefel, Wams und Wäsche,

und dann schnell ins Wasser rein,

grade wie die Frösche.

 

Und der schönste Sonnenschein

brennt uns nach dem Bade

Brust und Buckel knusperbraun,

braun wie Schokolade.

 

Kätzchen will Fliegen fangen (von Gustav Falke)

 

Ist's nicht zum Lachen?

Kätzchen will Fliegen fangen

und weiß es nicht zu machen.

 

Immer summ und immer brumm,

dicht um Kätzchens Nas' herum.

Wie es greift und wie es grapst,

immer hat's vorbeigeschnappst.

Immer summ und immer brumm,

Kätzchen springt um sich selbst herum.

Auf einmal sitzt es ganz still und guckt,

nur das weiße Schwänzchen zuckt.

Warte nur, Fliege! Jetzt muss es glücken.

Ein Luftsprung.

Ätsch! da liegt's auf dem Rücken.

 

Immer summ und immer brumm,

dicht um Kätzchens Nas' herum.

Liebes Kätzchen, nimm's nicht krumm;

aber du bist furchtbar dumm,

summ, summ, summ,

furchtbar dumm.

 

Fuchs und Gans (von Johannes Trojan)

 

Auffordert zum Tanz

das Füchslein die Gans.

Der Gans ist es recht,

es gefällt ihr nicht schlecht,

und es schmeichelt ihr sehr -

mit dem Fuchse zu tanzen, was für eine Ehr'!

 

Aufführet den Tanz

der Fuchs mit der Gans.

Wie schwenkt er sie schnell,

der charmante Gesell!

Wie rasch er sie dreht,

dass Hören und Sehn ihr und Schnattern vergeht!

 

Austanzte den Tanz

der Fuchs mit der Gans.

Die Federn noch stieben -

wo ist sie geblieben?

Sag an, wo sie steckt!

Ei, frage den Fuchs, der die Schnauze sich leckt.

 

Bei Goldhähnchens (von Heinrich Seidel)

 

Bei Goldhähnchens war ich jüngst zu Gast.

Sie wohnen im grünen Fichtenpalast,

in einem Nestchen klein,

sehr niedlich und sehr fein.

 

Was hat es gegeben? Schmetterlingsei,

Mückensalat und Gnitzenbrei

und Käferbraten famos -

zwei Millimeter groß.

Dann sang uns Vater Goldhähnchen was,

so zierlich klang's wie gesponnenes Glas.

Dann waren die Kinder besehn:

sehr niedlich alle zehn!

 

Dann sagt ich: "Adieu" und "Danke sehr!"

Sie sprachen: "Bitte, wir hatten die Ehr',

und hat uns mächtig gefreut!"

Es sind doch reizende Leut!

 

Die Gäste der Buche (von Rudolf Baumbach)

 

Mietegäste vier im Haus

hat die alte Buche.

Tief im Keller wohnt die Maus,

nagt am Hungertuche.

 

Stolz auf seinen roten Rock

und gesparten Samen

sitzt ein Protz im ersten Stock,

Eichhorn ist sein Name.

 

Weiter oben hat der Specht

seine Werkstatt liegen,

hackt und zimmert kunstgerecht,

dass die Späne fliegen.

 

Auf dem Wipfel im Geäst

pfeift ein winzig kleiner

Musikant froh im Nest. -

Miete zahlt nicht einer.

 

Wo bin ich gewesen? (von Johannes Trojan)

 

"Wo bin ich gewesen?

Nun rat einmal schön!"

"Im Wald bist gewesen,

das kann ich ja sehn.

Spinnweben am Kleidchen,

Tannnadeln im Haar,

das bringt ja nur mit,

wer im Tannenwald war!"

"Was tat ich im Wald?

Sprich, weißt du das auch?"

"Hast Beerlein gepickt

vom Heidelbeerstrauch.

O sieh nur, wie blau um das Mündchen du bist!

Das bekommt man ja nur, wenn man Heidelbeeren isst!"

 

Peter und das Echo (von Rudolf Löwenstein)

 

Möcht wissen, wo der Kerl nur steckt,

der mich im Walde foppt und neckt?

Bald tönt's von rechts, von links dann her!

So wie ich rufe, ruft auch er.

Wenn ich dich krieg, na warte!

Warte ...

 

Was sprichst du mit mir immerzu?

Du feiger Kerl, wie heißt denn du?

So wahr ich Peter heiß, aufs Wort!

Ich fasse dich und schlepp dich fort,

ob früher oder später!

Peter ...

 

Sei still und sprich kein Wörtchen mehr,

sonst hol ich mir ein Schießgewehr,

und hab ich dich aufs Korn gefasst,

so schieß ich dich vom höchsten Ast

herab mit meiner Waffe!

Affe ...

 

Du schimpftest gar, du dummer Wicht!

Wahrhaftig, nein, das leid ich nicht!

Ich geh nicht eher hier vom Fleck,

bis ich gefunden dein Versteck,

dass ich mit dir mich boxe!

Ochse ...

 

Fehlgeschossen (von Wilhelm Busch)

 

Fritz war ein kecker Junge

und sehr geläufig mit der Zunge.

Einstmals ist er beim Ährenlesen

draußen im Felde gewesen,

wo die Weizengarben, je zu zehn,

wie Häuslein in der Reihe stehn.

Ein Wetter zog herauf.

Da heißt es. Lauf!

Und flink wie ein Mäuslein

schlüpft er ins nächste Halmenhäuslein.

Krach! – Potztausendnochmal!

Dicht daneben zündet der Wetterstrahl.

„Ätsch!“, rief der Junge, der nicht bange.

„Fehlgeschossen, Herr Blitz!

Hier saß derFritz!“

 

Hänschen auf der Jagd (von Heinrich Seidel)

 

Hänschen wollte jagen gehen,

hatte kein Gewehr,

sah er einen Besen stehn.

Herz, was brauchst du mehr?

 

Hänschen ging voll Jagdbegier

mit dem Besen aus:

„Mutter, einen Braten dir

bring ich bald nach Haus!“

 

Nun mit Jägerleidenschaft

lief er in das Feld,

und er schoss mit voller Kraft

auf der ganzen Welt!

 

Saß ein Häschen auf der Flur,

Hänschen machte: „Bumm!“

Häschen machte Männchen nur,

aber fiel nicht um.

 

Saß ein Rabe auf dem Baum,

Hänschen machte: „Puh!“

Doch der Rabe wie im Traum

saß in guter Ruh.

 

Hüpft ein Sperling an den Weg,

Hänschen machte: „Paff!“

Doch der Sperling piepte frech,

„Hänschen, bist ein Aff!“

 

Hänschen nun verlor den Mut,

zog ein schief Gesicht:

„Schießen tut die Flinte gut,

doch sie trifft ja nicht!“

 

Traurige Geschichte von dummen Hänschen (von Rudolf Löwenstein)

 

Hänschen will ein Tischler werden,

ist zu schwer der Hobel.

Schornsteinfeger will er werden,

doch das ist nicht nobel.

Hänschen will ein Bergmann werden,

mag sich doch nicht bücken.

Hänschen will ein Müller werden,

doch die Säcke drücken.

Hänschen will ein Weber werden,

doch das Garn zerreißt er.

 

Immer, wenn er kaum begonnen,

jagt ihn fort der Meister.

Hänschen, Hänschen, denke dran,

was aus dir noch werden kann.

 

Hänschen will ein Schuster werden,

sind zu hart die Sohlen.

Hänschen will ein Schlosser werden,

sind zu heiß die Kohlen.

Hänschen will ein Schneider werden,

doch die Nadeln stechen.

Hänschen will ein Glaser werden,

doch die Scheiben brechen.

Hänschen will Buchbinder werden,

riecht zu sehr der Kleister.

 

Immer, wenn er kaum begonnen,

jagt ihn fort der Meister.

Hänschen, Hänschen, denke dran.

was aus dir noch werden kann.

 

Hänschen hat noch viel begonnen,

brachte nichts zu Ende.

Drüber ist die Zeit verronnen,

schwach sind seine Hände.

 

Hänschen ist nun Hans geworden,

und er sitzt voll Sorgen,

hungert, bettelt, weint und klagt

abends und am Morgen.

 

Ach, warum nicht war ich Dummer

in der Jugend fleißig?

Was ich immer nur beginne,

dummer Hans nur heiß ich.

 

Ach, nun glaub ich selbst daran,

dass aus mir nichts werden kann.

 

Der Vater kann alles (von Heinrich Seidel)

 

Liebes Lenchen, hör nur an,

was mein Vater alles kann!

Alles, alles kann er machen!

Und er schnitzt die schönsten Sachen:

Auf dem Dach die Klappermühle,

unsre kleinen Kinderstühle,

Vogelbauer, Meisenkisten,

Körbe, drin die Hühner nisten,

einen Fresstrog für die Gänschen

und ‚nen Peitschenstiel für Hänschen.

Kleine Wagen kann er machen,

Hüte von Papier, und Drachen,

Körbchen aus Kastanien schneiden,

Flöten auch aus Rohr und Weiden.

Alles kann er, und so gut,

wie es wohl kein andrer tut.

Abends bei der Lampe Schimmer

spielt er auf der Zither immer

und er macht mit seiner Hand

Schattenspiele an der Wand –

ja, es ist beinah zum Grauen,

so natürlich anzuschauen:

einen Hahn mit Kamm und Sporen,

Häschen auch mit langen Ohren,

einen Vogel, der da fliegt,

und ein dickes Schwein, das liegt,

eine Gämse mit der Gabel,

einen Schwan mit Hals und Schnabel.

Gar nichts gibt es, denk nur an,

was er dir nicht machen kann!

Lenchen, ja ich glaube sehr,

nur der liebe Gott kann mehr!

 

Der Mutter vorzusingen (von Robert Reinick)

 

Ach wär ich ein Vöglein,

ich wüsst, was ich tät:

Ich lernte mir Lieder

von morgens bis spät,

dann setzt ich mich dort,

wo lieb Mütterlein wär,

und säng ihr die Lieder

der Reihe nach her.

 

Und wär ich ein Fischlein,

ich wüsst, was da wär:

Ich tauchte zum Grunde

tief unten ins Meer,

holt Bernstein und Muscheln,

ihr glaub, nur für mich?

Der Mutter den Bernstein,

die Muscheln für mich.

 

Und wär ich ein Schneider,

ich wüsst, was ich sollt:

Ich macht‘ ein paar Kleider

von Seiden und Gold,

das eine wär groß,

das andre wär klein,

der Mutter das große,

das kleine wär mein!

 

Und wär ich ein Schuster,

ich hätt‘ keine Ruh,

ich machte für mich

und fürs Mütterlein Schuh;

die wären zum Tanz

nicht zu kurz, nicht zu lang,

dann tanzten wir beid

nach der Vöglein Gesang.

 

Und wär ich ein Schäflein,

da hab ich im Sinn:

Ich gäb alle Wolle

dem Mütterlein hin,

das spinnt sicherlich

zwei Dutzend Paar Strümpfe

für sich und für mich.

 

Und wär ich der Winter,

es sollt dich nicht reun,

das Eis und der Schnee

müssten Zucker dann sein,

und die Erde der Kuchen,

den brockten wir fein,

meine Mutter und ich,

in den Kaffee hinein.

 

Doch mancherlei möchte ich

denn doch wohl nicht sein:

nicht Apfel, noch Kirschen,

nicht Wasser, noch Wein;

dann äßest du mich,

oder tränkst du mich aus,

dann hätt‘ meine Mutter

kein Kind mehr im Haus.

 

Warten ist schwer (von Heinrich Seidel)

 

Aus dem winz’gen Kirschenstein

Kommt ein Baum hervor,

aus dem kleinsten Körnelein

wächst ein Blumenflor.

Darum graben wir im Garten,

sä’n und pflanzen sehr,

aber warten, warten, warten –

das ist gar zu schwer!

Könnten wir doch wachsen sehen

Blumen, Bäume, Gras,

während wir daneben stehen,

ja, dann wär’s ein Spaß!

 

Hasenjagd (von Gustav Falke)

 

Rische, rasche, rusche,

der Hase sitzt im Busche.

Wolln wir mal das Leben wagen,

wolln wir mal den Hasen jagen?

 

Rusche, rasche rische,

der Hase sitzt bei Tische.

Siehst du dort im grünen Kohl ihn?

Flink, nun lauf mal hin und hol ihn!

 

Rische, rusche, rasche,

hast ihn in der Tasche?

Was? Ist in das Feld gegangen?

Ätsch! Kann nicht mal Hasen fangen!

 

Die Wohnung der Maus (von Johannes Trojan)

 

Ich frag die Maus:

„Wo ist dein Haus?“

Die Maus darauf erwidert mir:

„Sag’s nicht der Katz, so sag ich’s dir.

Treppauf, treppab,

erst rechts, dann links,

und dann gradaus –

das ist mein Haus,

du wirst es schon erblicken!

Die Tür ist klein,

und trittst du ein,

vergiss nicht, dich zu bücken!“

 

Ferien (Autor unbekannt)

 

Hurra, hurra!

Nun sind die Ferien da!

Ade, du Schulbank,

nun geht es frei und frank

die schöne Welt entlang

zum fernen Meeresstrande,

zu des Gebirges Rande,

zum Onkel auf dem Lande!

Hurra, hurra!

Nun sind die Ferien da!

 

Jeder nach seiner Art (von H.H. von Fallersleben)

 

Immer langsam, immer langsam

ohne Sang und ohne Klang

geht die Schnecke ihren Gang.

 

Will sie gehen, will sie gehen

in die weite Welt hinaus,

nimmt sie mit ihr ganzes Haus.

 

Ist es draußen, ist es draußen

trübes Wetter, feucht und nass,

dann spaziert sie in dem Gras.

 

Scheint die Sonne, scheint die Sonne

hängt sie sich an einen Baum,

bleibt im Haus und rührt sich kaum.

 

Ihre Weise, ihre Weise

hat die Schnecke so wie du:

Nun, so lass sie denn in Ruh!

 

Die Kröte (von Johannes Trojan)

 

Giftig bin ich nicht,

Kinder beiß ich nicht,

Wurzeln mag ich nicht,

nach Blumen frag mich nicht;

Würmlein und Schnecken,

die lass ich mir schmecken.

Ich sitz in dunklen Ecken

Und bin sogar bescheiden,

doch keiner kann mich leiden.

Das trübt mich in meinem Sinn.

Kann ich dafür, dass ich hässlich bin?

 

Frisch gewagt (von Wilhelm Busch)

 

Es kamen mal zwei Knaben

an einen breiten Graben.

Der erste sprang hinüber,

schlankweg, je eh’r, je lieber.

War das nicht keck?

Der zweite, fein besonnen,

eh er das Werk begonnen,

sprang in den Dreck.

 

Ein dicker Sack (von Wilhelm Busch)

 

Ein dicker Sack – den Bauer Bolte,

der ihn zur Mühle tragen wollte,

um auszuruhn, mal hingestellt

dicht an ein reifes Ährenfeld –

legt sich in würdevollen Falten

und fängt ‘ne Rede an zu halten.

„Ich“, sprach er, „bin der volle Sack.

Ihr Ähren seid nur dünnes Pack.

Ich bin’s, der euch auf dieser Welt

in Einigkeit zusammenhält.

Ich bin’s, der hoch vonnöten ist,

dass euch das Federvieh nicht frisst;

ich, dessen hohe Fassungskraft

euch schließlich in die Mühle schafft

Verneigt euch tief, denn ich bin Der!

Was wäret ihr, wenn ich nicht wär?“

Sanft rauschten die Ähren:

„Du wärst ein leerer Schlauch, wenn wir nicht wären.“

 

Vom schlafenden Apfel (von Robert Reinick)

 

Im Baum, im grünen Bettchen,

hoch oben sich ein Apfel wiegt,

der hat so rote Bäckchen,

man sieht’s, dass er im Schlafe liegt.

 

Ein Kind steht unterm Baume,

das schaut und schaut und ruft hinauf:

„Ach, Apfel, komm herunter!

Hör endlich mit dem Schlafen auf.“

 

Es hat ihn so gebeten,

glaubt ihr, der wäre aufgewacht?

Er rührt sich nicht im Bette,

sieht aus, als ob im Schlaf er lacht.

 

Da kommt die liebe Sonne,

am Himmel hoch daherspaziert. –

„Ach, Sonne, liebe Sonne!

Mach du, dass sich der Apfel rührt!

 

Die Sonne spricht: „Warum nicht?“

Und wirft ihm Strahlen ins Gesicht.

Küsst ihn dazu so freundlich.

Der Apfel aber rührt sich nicht.

 

Nun schau! Da kommt ein Vogel

und setzt sich auf den Baum hinauf.

„Ei, Vogel, du musst singen,

gewiss, gewiss, das weckt ihn auf!“

 

Der Vogel wetzt den Schnabel

und singt ein Lied, so wundernett,

und singt aus voller Kehle –

der Apfel rührt sich nicht im Bett!

 

Und wer kam nun gegangen?

Es war der Wind, den kenn ich schon,

der küsst nicht und der singt nicht,

der pfeift aus einem andern Ton.

 

Er stemmt in beide Seiten

die Arme, bläst die Backen auf

und bläst und bläst, und richtig –

der Apfel wacht erschrocken auf

 

und springt vom Baum herunter

grad in die Schürze von dem Kind,

das hebt ihn auf und freut sich

und ruft: „Ich danke schön, Herr Wind!“

 

Vom Honigkuchenmann (von H. H. von Fallersleben)

 

Keine Puppen will ich haben –

Puppen gehn mich gar nichts an.

Was erfreun mich kann und laben,

ist ein Honigkuchenmann,

so ein Mann mit Leib und Kleid

durch und durch von Süßigkeit.

Stattlicher als eine Puppe

sieht ein Honigkerl sich an,

eine ganze Puppengruppe

mich nicht so erfreuen kann.

Aber seh ich recht dich an,

dauerst du mich, lieber Mann.

Denn du bist zum Tod erkoren –

bin ich dir auch noch so gut,

ob du hast ein Bein verloren,

ob das andere weh dir tut:

Armer Honigkuchenmann,

hilf dir nichts, du musst doch dran!

 

Rätsel (von H. H. von Fallersleben)

 

Es kommt der Vogel Federlos

aus hoher Luft gezogen

und ist auf Bäumchen Blätterlos

ganz munter hingeflogen.

 

Da sitzt der Vogel Federlos

und fühlt sich recht geborgen,

und denkt: hier hast du Ruh und Rast.

Wie aber geht’s ihm morgen?

 

Am anderen Morgen hat sich gleich

Frau Mundlos hergeschwungen

und hat den Vogel Federlos

mit Haut und Haar verschlungen.

 

Nun rate, wer da raten kann!

Ihr habt es jetzt vernommen,

und wer’s errät, der soll sogleich

dies Kränzelein bekommen.

 

Mit Federlos ist Schnee gemeint,

der schnell von jedem Bäumchen schwindet

und wo er sich sonst auf Erden findet,

sobald Frau Mundlos, die Sonne, scheint.

 

Ausfahrt (von Gustav Falke)

 

Schlitten vorm Haus,

steig ein, kleine Maus!

Zwei Kätzchen davor,

so geht’s durch das Tor,

zwei Kätzchen dahinter,

so geht’s durch den Winter.

 

Hinein ins Feld,

wie weiß ist die Welt!

Auf einmal, o weh,

kleine Maus liegt im Schnee,

kleine Maus liegt im Graben,

wer will sie haben?

 

Schlitten vorm Haus,

wo bleibt kleine Maus?

Die Kätzchen, miau,

die wissen genau:

Hat nicht still gesessen,

da haben wir sie gefressen.

 

Nussknacker (von H. H. von Fallersleben)

 

Nussknacker, du machst ein grimmig Gesicht –

Ich aber, ich fürchte vor dir mich nicht:

Ich weiß, du meinst es gut mit mir,

drum bring ich meine Nüsse dir.

Ich weiß, du bist ein Meister im Knacken:

Du kannst mit deinen dicken Backen

Gar hübsch die harten Nüsse packen

Und weißt sie vortrefflich aufzuknacken.

Nussknacker, drum bitt ich dich, bitt ich dich,

hast bessere Zähn‘ als ich, Zähn‘ als ich,

o knacke nur, knacke nur immerzu!

Ich will dir zu Ehren

die Kerne verzehren.

O knacke nur, knack knack knack! Immerzu!

Ei, welch ein braver Kerl bist du!

 

Schuleifer (von H. H. von Fallersleben)

 

Im Winter, wenn es frieret,

im Winter, wenn es schneit,

dann ist der Weg zur Schule

fürwahr noch mal so weit.

 

Und wenn der Kuckuck rufet,

dann ist der Frühling da,

dann ist der Weg zur Schule

fürwahr noch mal so nah.

 

Wer aber gerne lernet,

dem ist kein Weg zu fern:

Im Frühling wie im Winter

Geh ich zur Schule gern.

 

Max und der Sandmann (von H. H. von Fallersleben)

 

Max, willst du noch nicht schlafen?

Begib dich doch zur Ruh!

Du bist gewiss recht müde,

die Augen fallen dir zu.

 

„O nein, ich will nicht schlafen,

ich will noch munter sein;

erst soll der Wächter blasen,

nicht eher nick ich ein.“

 

Der Sandmann wird schon kommen,

er bleibet länger nicht,

er wird Schlafkörner streunen

dir in das Angesicht.

 

„Der Sandmann soll’s mal wagen!

Er komme mal heran!

Er wird sich heute wundern,

heut steh ich meinen Mann.“

 

Der Sandmann ist gekommen,

noch eh‘ man’s sich gedacht,

und Maxel ist eingeschlafen:

Nun Maxel, gute Nacht!

 

Das Lied vom Monde (von H. H. von Fallersleben)


Wer hat die schönsten Schäfchen?

Die hat der goldne Mond,

der hinter unsern Bäumen

am Himmel drüben wohnt.

 

Er kommt am späten Abend,

wann alles schlafen will,

hervor aus seinem Hause

zum Himmel leis und still.

 

Dann weidet er die Schäfchen

auf seiner blauen Flur;

Denn all die weißen Sterne

sind seine Schäfchen nur.

 

Sie tun sich nichts zuleide,

hat eins das andere gern,

und Schwestern sind und Brüder

da droben Stern an Stern.

 

Und soll ich dir eins bringen,

so darfst du niemals schrein,

musst freundlich wie die Schäfchen

und wie ihr Schäfer sein!

 

Das Lied der Vögel (von H. H. von Fallersleben)

 

Wir Vögel haben's wahrlich gut,
wir fliegen, hüpfen, singen.
Wir singen frisch und wohlgemut,
das Wald und Feld erklingen.

Wir sind gesund und sorgenfrei,
und finden, was uns schmecket;
wohin wir fliegen, wo's auch sei,
ist unser Tisch gedecket.

 

Ist unser Tagewerk vollbracht,
dann zieh'n wir in die Bäume,
wir ruhen still und sanft die Nacht
und haben süße Träume.

 

Und weckt uns früh der Sonnenschein,
dann schwingen wir's Gefieder,
wir fliegen in die Welt hinein
nd singen unsre Lieder.

 

 

Winters Abschied (von H. H. von Fallersleben)

 

Winter,  ade!
Scheiden tut weh. 
Aber dein Scheiden macht,
dass jetzt mein Herze lacht.
Winter,  ade!
Scheiden tut weh.
     
Winter, ade!
Scheiden tut weh.
Gerne vergess'  ich dein, 
kannst immer ferne sein.
Winter,  ade!
Scheiden tut weh.
     
Winter,  ade!
Scheiden tut weh.
Gehst du nicht bald nach Haus,
lacht dich der Kuckuck aus.
Winter,  ade!  
Scheiden tut weh.

 

Die drei Spatzen (von Christian Morgenstern)

 

In einem leeren Haselstrauch, 
da sitzen drei Spatzen,  Bauch an Bauch.

     
Der Erich rechts und links der Franz    
und mittendrin der freche Hans.

      
Sie haben die Augen zu, ganz zu, 
und obendrüber,  da schneit es, hu!

     
Sie rücken zusammen dicht an dicht, 
so warm wie Hans hat's niemand nicht.

     
Sie hör'n  alle drei ihrer Herzlein Gepoch. 
Und wenn sie nicht weg sind,  so sitzen sie noch.

 

Will sehen, was ich weiß, vom Büblein auf dem Eis

(von Friedrich Güll)


Späte Fassung 1827 

 

Gefroren hat es heuer 
noch gar kein festes Eis. 
Das Büblein steht am Weiher 
und spricht zu sich ganz leis: 
Ich will es einmal wagen, 
das Eis, es muß doch tragen. -
Wer weiß?

Das Büblein stapft und hacket 
mit seinem Stiefelein. 
Das Eis auf einmal knacket, 
und krach! schon bricht's hinein. 
Das Büblein platscht und krabbelt, 
als wie ein Krebs und zappelt 
mit Arm und Bein.

O helft, ich muß versinken 
in lauter Eis und Schnee! 
O helft, ich muß ertrinken 
im tiefen, tiefen See!
Wär nicht ein Mann gekommen,
der sich ein Herz genommen, 
o weh!

Der packt es bei dem Schopfe 
und zieht es dann heraus.
Vom Fuße bis zum Kopfe 
wie eine Wassermaus.
Das Büblein hat getropfet, 
der Vater hats geklopfet 
zu Haus.

 

Im Winter, wenn es frieret, im Winter, wenn es schneit ...
Im Winter, wenn es frieret, im Winter, wenn es schneit ...

Wird fortgesetzt!