Politik in Geschichten: Stammtischgespräche

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Stammtischgespräche

 

1. Das Urteil

2. Gilt das Völkerrecht?

Stammtischgespräche

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von Joachim Größer (2019)

 

Der Stammtisch steht im „Garteneck“ und ist mit diesem Namen als Vereinsgaststätte leicht auszumachen. Groß ist der Schankraum nicht, nur 5 Tische konnte der Wirt aufstellen. Dafür aber ist der Platz vor dem Haus an warmen Tagen nicht nur ein Magnet für die Schrebergärtner. Hier kann man mitten unter alten Obstbäumen sitzen und den Duft, der von den Heckenrosen zu den Gästen zieht, einatmen.

„Durchatmen! Den Sommer genießen!“ - Das empfiehlt der Wirt seinen fremden Gästen. Und fremd ist, wer keinen Garten in diesem Verein sein Eigen nennt.

Stolz sind sie schon die Vereinsmitglieder! Hatte doch einst ein Herr Dr. Schreber in Leipzig im 19. Jahrhundert die Gesundheit der Menschen verbessern wollen und entwickelte ein Konzept zur Bewegung in der Natur. Und so entwickelte sich aus dem Sport und dem Spiel auf der Wiese auch eine nützliche Tätigkeit, die man Gartenarbeit nannte!

Aber erst 1864, erst nach dem Tod des Herrn Dr. Moritz Schreber entstand in Leipzig der erste Kleingartenverein. Man nannte ihn zu Ehren des Arztes Schrebergärten.

Und in solch einem Kleingartenverein besitzen drei Gartenfreunde seit mehr als 40 Jahren eine kleine Parzelle.

Jeden Freitag um 19 Uhr sitzen sie an ihrem Stammtisch nahe der Theke zusammen und kommentieren die kleingärtnerische, die stadtpolitische und die weltpolitische Lage bei mehreren Glas guten Pils.

Und diesmal ist es ein Gerichtsurteil - gefällt vom Leipziger Verwaltungsgericht, welches ihre Aufmerksamkeit hat!

 

1. Das Urteil

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Helmut und Horst sitzen schon auf ihren Stammtischplätzen. „Was hat denn der Eberhard heute wieder für ein Problem?! Pünktlichkeit ist nicht sein Markenzeichen!“

Kaum hatte dies der Horst verkündet, als auch der so Gescholtene die Wirtshaustür öffnete. „Ich bitt um Vergebung! Ich weiß, bin schon wieder unpünktlich! Aber ich musste noch die Nachrichten zu Ende hören! Wisst ihr, da hat das Leipziger Verwaltungsgericht ein Urteil verkündet, das ich nicht verstehe! Da hat doch ...!“

„So Eberhard, Mund halten, Bier anheben und ‘Prost’ sagen.“ Helmut hat seinen Freund unterbrochen. „Und nach dem ersten Schluck erzählst du uns von diesem Urteil!“

Es wurde ein Riesenschluck. Scheinbar wollte der Eberhard seinen Ärger hinunter spülen. Er wischte sich den Schaum vom Mund und begann zu berichten:

„1988 wollte ein damals 26-jähriger junger Mann die DDR illegal verlassen - also Flucht über die Mauer. Er hockte die halbe Nacht in einem Dreckloch und als er einen DDR-Grenzer mit Maschinenpistole sah, bekam er einen Riesenschreck und rannte, so schnell er konnte, auf die andere Seite. Der Grenzer hat nicht auf ihn geschossen. Diese Flucht hat den 26-Jährigen so mitgenommen, dass er davon traumatisiert gewesen sein will. Immer hat wohl dieses Ereignis sein weiteres Leben bestimmt. Deshalb klagte er vor Gericht auf eine Entschädigung. Und er klagte bis zum Leipziger Bundesverwaltungsgericht und stellt euch vor, die Richter gaben ihm jetzt Recht. Nach 31 Jahren bekommt er eine Entschädigung, da das DDR-Grenzregime ‘rechtsstaatswidrig’ gewesen wäre. Und jetzt verstehe ich die Welt nicht mehr! Die DDR war ein selbständiger Staat, Mitglied der UNO, gemeinsam mit der BRD sogar im Sicherheitsrat, Brandt besuchte die DDR, Honecker und Schmidt trafen sich und Helmut Kohl empfing 1988 Honecker. Und der besuchte seine alte Heimat - das Saarland. Mit fast allen Staaten der Erde hatte die DDR diplomatische Beziehungen. Man konnte von dieser DDR denken, was man wollte, in der Welt war dieser Staat doch hoch anerkannt! Und noch eins: Jeder in der DDR wusste, dass ein illegaler Grenzübertritt mit Gefängnis endete, denn so war das Gesetz. Und dieses Gesetz galt in der DDR und Fernsehen und Zeitungen machten daraus keinen Hehl und berichteten darüber. Und da hatte der junge Mann damals noch Glück gehabt. Nun sagt Freunde, was soll solch Urteil?“

„Das versteht vielleicht ein Wessi, aber ob das einer, der in der DDR gelebt hat, versteht, bezweifle ich!“ Helmut schüttelte den Kopf. „Nee, das versteht keiner!“

„Vielleicht sollten wir mal das Urteil von einer anderen Seite beleuchten. Wie viele Menschen haben durch die Wiedervereinigung gelitten? Millionen! Das mussten selbst 6 Ministerpräsidenten aus dem Osten anerkennen. Egal, ob sie der CDU oder SPD oder der Linken angehören, gemeinsam erklärten sie, dass nur die DDR-Bürger einen allumfassenden Systemumbruch überstehen mussten - kein Wessi! Nur Ossis!“

„Und hat nicht die Chefin der Treuhand ...“ Helmut suchte nach dem Namen. „Wisst ihr, wie ...?“

„Birgit Breuel!“ Der Wirt wusste den Namen.

„Ja, die Frau Breuel hat öffentlich zugegeben, dass die Treuhand viele Fehler gemacht hat“, fuhr Helmut fort.

„Und sie hat noch gesagt, dass solche Umbrüche keinem Westdeutschen zugemutet werden konnte!“ Horst nickte und meinte, dass man dieses sehr, sehr Unangenehme erst mal hinunterspülen musste.

„Jochen noch drei Pils!“ Und der Wirt brachte drei kühle Pils. „Wollt ihr jetzt auf die DDR trinken? Nach fast 30 Jahren? Männer, das bringt nichts!“

„Nee Jochen, ich trinke auf unsere Vergangenheit! Ich trinke auf unsere Maschinenbaufabrik. Wir waren die Marktführer im Ostblock und exportierten in über 100 Länder unsere Produkte! Ich trinke auf uns, die wir ‘abgewickelt’ wurden, die ohne Abfindung auf die Straße gesetzt wurden und keine neue Arbeit mehr fanden! Ich trinke auf die 4 Millionen ehemalige DDR-Bürger, die in die Welt gingen, um Arbeit zu finden. Es waren die Jungen, die uns Alten jetzt fehlen!“

Horst hob das Glas. „Prost Männer! Auf unsere Vergangenheit! Auf uns und unsere Freundschaft!“

Nachdem sie sich den Bierschaum von den Lippen gewischt hatten, ergriff Helmut das Wort: „Wisst ihr noch, was Helmut Kohl zur Wendezeit sagte: ‘Keinem wird es schlechter gehen, aber vielen besser!’ Das waren seine Worte Und wir blöden Ossis glaubten das. Der Ossi arbeitet heute noch länger als ein Wessi, er bekommt weniger Lohn für die gleiche Arbeit, seine Rente ist immer noch niedriger als die Westrente. Und wenn jetzt die vielen Langzeitarbeitslosen, die sich mit 1 €-Job und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in die Rente ‘gerettet’ haben, ihre Rente bekommen? Dann denken sie: ‘ Davon sollen wir leben?!’“

Es war still, die Stammtischbrüder schienen zu sinnieren. Eberhard hob sein leeres Bierglas hoch - ein Zeichen „Wirt, bring einen neues aber volles Glas“. Kaum standen die Gläser auf dem Tisch, da begann Eberhard laut zu denken: „Dieses Urteil kann doch genutzt werden. Wir alle haben durch die Wende seelische Grausamkeiten durchlebt. Man müsste doch auch auf Schadensersatz klagen können! Oder?“

„Das Gericht würde noch nicht einmal unsere Klageschrift annehmen“, bemerkte Horst.

„Nee, nicht eine Sammelklage, ein Einzelner müsste klagen!“ Eberhard schaute triumphierend in die Runde. „Wen hat es von uns am schlimmsten getroffen?! Den Helmut! Ich zähle mal auf!“ Eberhard holte tief Luft. „Helmut, du wurdest 1991 arbeitslos und hast nie wieder eine ‘ordentliche’ Arbeit bekommen. Dein 3 Jahre altes Haus übernahm die Bank, da du die jetzt gewaltige Kreditsumme nicht zurückzahlen konntest. Als deine Frau, die Hilde, auch arbeitslos wurde, erkrankte sie. Als Depression wurde diese seelische Erkrankung bezeichnet. Und diese Erkrankung war in ihrer Häufigkeit ein typisches Merkmal für die Nachwendezeit. Als dann noch der Raik, euer einziger Sohn, nach Kanada auswanderte, um Arbeit zu finden, da nahm sich deine Hilde das Leben. Sie hatte keinen Lebensmut mehr.“

Eberhard sah zu seinem Freund. „Stimmt doch, Helmut?!“

„Natürlich stimmt alles! Eberhard, ich weiß, du meinst es gut, aber ich möchte nicht mehr an diese schwere Zeit zurückdenken. Es schmerzt heute noch und ...“

Helmut wandte sich ab und wischte sich die feuchten Augen. „Kein Wort mehr darüber! Kein Wort!“

Jetzt trat ein älterer Mann zu den Stammtischbrüdern. „Ja, auch eine solche Einzelklage würde nichts bringen!“

Die drei Freunde sahen erstaunt zu dem Fremden auf. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass noch ein Gast im Schankraum war.

Der Fremde stellte sich als Friedhelm Maier vor - Maier mit „ai“ und ist seit 4 Tagen stolzer Besitzer einer Gartenparzelle.

Und als Eberhard ihn fragte, warum eine solche Klage nichts bringen würde, meinte der Maier nur: „Das ist ein politisches Urteil, auf das man sich immer bei passender Gelegenheit berufen wird. Man ordnet die Ex-DDR als Unrechtsstaat ein, um sich selbst, also die damalige BRD als ‘Rechtsstaat’ zu bezeichnen.“

Der Maier drehte sich zum Wirt: „Ich möchte zahlen!“ Nachdem dies erfolgt war, wandte sich der neue Kleingartenparzellenbesitzer an die Stammtischrunde. „Sprengkraft hat dieses Urteil dennoch! Stellt euch vor, die Hunderttausende, die aus Afrika und Asien, aus den Kriegsgebieten und Hungerzonen nach Deutschland geflüchtet sind, klagen auf seelische Grausamkeit. Sie haben gehungert, haben Menschen auf der Flucht sterben gesehen, sie haben Grenzzäune überwunden und sogar Meere bezwungen, sie waren jeglicher Willkür auch von Grenzern der einzelnen Länder ausgesetzt. Das ist der Sprengstoff, den dieses Urteil in sich birgt. Und das haben diese Verwaltungsrichter wohl nicht bedacht!“ Herr Maier verabschiedete sich. „Denken Sie mal drüber nach!“

Der Maier war weg und hinterließ nachdenkliche Freunde.

„Ach, heute will ich nicht mehr denken!“, sprach Helmut. „Jochen, ich möchte zahlen!“

„Der heutige Stammtisch geht auf Kosten des Hauses!“

„Was?“ Horst blickte erstaunt zum Wirt auf. Der: „Na ja, ihr habt das ausgesprochen, was mir schon lange auf der Seele brennt! Kommt gut heim!“

Kaum hatten die Drei den Schankraum verlassen, als sich der Wirt einen doppelten Korn eingoss, sich zum Spiegel über den Schanktisch wandte und das Glas zum Spiegelbild hob! „Prost Herr Diplom-Ingenieur Jochen Wengler! Hast deine Träume begraben! Einst wolltest du Maschinen für die Zukunft konstruieren und nun biste ein Schankwirt im Vereinshaus. Tolle Karriere, Jochen Wengler!“

 

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