Politik in Geschichten: "Nie wieder Krieg!"

Nie wieder Krieg!

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von Joachim Größer (2016)

 

Prolog:

„Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“

Kennen Sie noch das berühmte Zitat des Dichters Bertold Brecht? Nach dem fürchterlichen Zweiten Weltkrieg, in der Zeit des Kalten Krieges, hörte man oft von diesen „Drei Punischen Kriegen“ und dieses Zitat nahm Bezug auf Deutschland.

Trotz des Kalten Krieges und der Aufspaltung Deutschlands in zwei Staaten mit unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen und in zwei sich gegenüberstehenden mächtigen Militärblöcken galt für Ost und West: „Nie wieder soll vom deutschen Boden ein Krieg ausgehen.“

Diese Zeit scheint vergessen. Die „Unschuld“ hatte dieses neue Gesamt-Deutschland im sogenannten Kosovo-Krieg  (NATO-Intervention ohne UN-Mandat - 1999) bereits verloren. Aktuell spricht man seit der Ukraine-Krise (2014) vom neuen Kalten Krieg. Die NATO ist längst entgegen ehemaliger Absprache mit M. Gorbatschow (letzter Präsident der UdSSR) an die Grenze Russlands vorgerückt.  Und nun wird weiter provoziert! Russische Sicherheitsinteressen werden ignoriert. Die NATO wird ständig Truppen an die russische Grenze stationieren. Und deutsche Soldaten werden auch bald an der Grenze zu Russland stehen – zum dritten Mal in 100 Jahren. Hochrangige deutsche Politiker haben treu und ergeben dem amerikanischen Präsidenten und der NATO die Zusage Deutschlands schon gegeben. Und das alles geschieht in einer Zeit, in der sich am 22. Juni der Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion zum 75. Male jährt. Wenn das ein Zufall sein soll?!

Geschichte wird erforscht und gelehrt, damit die Menschheit daraus lernt und nicht dieselben Fehler wiederholt. „Nur Dumme machen die gleichen Fehler!“ Dieses Sprichwort gilt!

Und Politiker dürfen keine „dumme Politik“ machen. Ehrlich -  ich habe Angst vor einem Krieg! Ich will nicht, dass meine Enkel als Kanonenfutter für Machtspiele, für geopolitische Interessen missbraucht werden. Ich will keinen Krieg!!!

Nach einem Dritten Weltkrieg könnte Brechts Zitat dann nämlich so lauten: „Deutschland führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten und mit ihm verschwand die gesamte zivilisierte Welt im Inferno eines Atomkrieges.“

 

Und deshalb erinnere ich mich an diesen Krieg und an die schlimme Nachkriegsperiode. Und deshalb schreibe ich darüber, denn aus der Geschichte muss man die richtigen Schlüsse ziehen!

 

1.      Mich gibt es doch eigentlich gar nicht!

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Im juristisch-bürokratischen Sinne gibt es mich wirklich nicht. Ich lebe nun schon seit 1945 ohne Geburtsurkunde! Die ist wahrscheinlich irgendwo im Polenland verbrannt, wie alles, was meine Eltern und Großeltern einst besaßen. Was war geschehen? Mein Geburtsort lag im sogenannten Warthegau, ehemals polnisches Gebiet - von Nazi-Deutschland okkupiert. Dort waren schon Eltern und Großeltern geboren und man lebte hier immer gemeinsam mit der polnischen Bevölkerung. Im Januar 1945 startete die Rote Armee ihre Großoffensive. Am 20. Januar erließ die Deutsche Wehrmacht den Befehl, dass alle Deutschen „heim ins Reich“ sollten. Innerhalb 24 Stunden mussten alle deutschen Bürger den Warthegau verlassen. Eine überstürzte Flucht  begann, eine Flucht mit fürchterlichen Folgen. Die Flüchtlingstrecks sollten wohl der fliehenden Deutschen Wehrmacht als Schutzschild vor der heranstürmenden Roten Armee dienen.

Meine Mutter nahm ihre 4 Kinder (Vater war im Krieg), ihre Schwester, die Betten und an Dokumenten was zu greifen war. Meine Geburtsurkunde war nicht dabei. Von dieser Flucht bei minus 20 °C habe ich als 2 ½-jähriger nichts mitbekommen. Aber ich weiß heute noch als alter Mann, dass Federbetten überlebensnotwendiger sind als Geburtsurkunden und anderes unnützes Zeug. In unbeheizten Viehwaggons ging es Richtung Westen. Es gab Fliegerangriffe und Kanonendonner. Dann hielt der Zug und Tausende Menschen sprangen aus dem Zug, um sich weitab vom Zug zu verstecken. Dreimaliges Pfeifen – jetzt mussten so schnell wie möglich alle wieder in den Zug klettern. Wer es nicht schaffte, wer im Schnee stolperte, wer zu alt oder behindert war, blieb zurück. Fast ein Vierteljahr dauerte die Flucht, die zu einer Irrfahrt wurde, ehe Verwandte uns in Mitteldeutschland aufnehmen konnten.

Mein Großvater war mit seinem Pferdewagen und einer hinten am Wagen angeleinten Kuh Teil des riesengroßen Trecks, der sich einem Lindwurm gleich in Richtung Westen bewegte. Als er nach vielen Monaten zerlumpt und abgemagert zu uns fand, war er froh, das nackte Leben gerettet zu haben.

Vermisst habe ich meine Urkunde eigentlich nicht. Selbst meinen ersten Personalausweis erhielt ich ohne Lebensnachweis. Kritisch wurde es erst, als ich heiraten wollte. Das durfte ich nämlich nicht ohne Dokument. So blöd kann’s kommen. Aber die Bürokratie hatte ein Einsehen. Da aus Polen die Rückmeldung kam, dass keinerlei Unterlagen vorhanden seien, erhielt ich eine Postkarte auf der stand, dass es keine Unterlagen gibt. Und diese Postkarte akzeptierte das Standesamt. Toll! Meine Geburtsurkunde ist eine Postkarte, auf der eine 5-Pfennig-Briefmarke klebte!

 

2.      Was ich noch vom Krieg weiß

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Welche Erinnerungen behält ein Kleinkind für sein ganzes Leben? Eigentlich keine – nur wenn diese Eindrücke so mächtig, so angstvoll sind, dann prägen Erinnerungen. Und garantiert geht es Millionen Menschen so, die grausamste Kriege als kleine Kinder erleben und überleben mussten.

Meine „Kriegseindrücke“ kann ich auf drei reduzieren. Als wir von unseren Verwandten in Mitteldeutschland aufgenommen wurden, tobte noch immer der Krieg. Anglo-amerikanische Bombengeschwader luden fast täglich ihre todbringende Last über deutsche Großstädte und Industriegebiete ab. Ein nächtlicher Angriff hat sich bei mir festgesetzt. Die ganze Familie hastete zu einem 1000 m entfernten Luftschutzbunker. Die Nacht war sternenklar und ich sah dieses Funkeln der Sterne, das Aufblitzen von Licht. Flugzeuge waren nicht zu sehen, nur zu hören. Ich nahm einen Staketenzaun wahr, und im Bunker sah ich eine trübe Funzel, die oft nur noch flackerte, aber soviel Licht verbreitete, dass man das Drahtgitter dieser Feuchtraumlampe und die roten Ziegelsteine des Bunkers sehen konnte.

-          Als Kind habe ich nie in den klaren Sternenhimmel geschaut. Erst als

           Erwachsener erschloss ich mir die Schönheit des Universums.

-          Ich habe nie einen Staketenzaun gebaut.

-          Wenn ich heute noch in ein Gebäude komme und sehe solch

           altertümliche Feuchtraumlampen, so bekomme ich Beklemmungen

           und bin bemüht, ganz schnell aus dem Gebäude zu (ent)kommen.

Mit diesen Kindheitserinnerungen kommt man noch klar – so denke ich. Nur, wie gingen KZ-Insassen mit ihren Erinnerungen um, die in den Konzentrationslagern das tägliche Morden sahen und sich fragen mussten: Bin ich der Nächste? Wie lebten Soldaten, die mörderische Schlachten überlebten? Was dachten Soldaten, die sahen, dass ihre Kugel den Feind mitten ins Gesicht traf? Fühlten sie sich als Mörder? Hatten sie Schuldgefühle?

 

3.      Was in der Nachkriegszeit besonders schlimm war

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Alle die diese Zeit bewusst wahrgenommen haben, müssten ehrlich antworten: der Hunger! Während des Krieges kannte die deutsche Bevölkerung keinen Hunger. SS und Wehrmacht plünderten alle eroberte und besetzten Gebiete aus. Rinder, Schweine, Geflügel aber auch besonders Getreide wurde nach Deutschland verbracht. Selbst als die Rote Armee die Deutsche Wehrmacht vor sich hertrieb, plünderten die Deutschen fleißig weiter. Und was man nicht mitnehmen konnte, wurde verbrannt. Zurück blieben verbrannte Erde und kaum etwas Essbares für die russische, weißrussische, ukrainische Bevölkerung.

Nur 1946/47 gab es im Nachkriegsdeutschland keine Nahrungsmittel mehr, die man hätte klauen können. Deutschland war besiegt und musste nun erleiden, was Deutsche vorher vielen Völkern angetan hatte.

Der Winter 1946/47 ist als Hungerwinter in die Geschichte eingegangen. Es war ein äußerst kalter Winter und die dann einsetzende Schneeschmelze vergrößerte den Schaden für die Landwirtschaft noch. Kleine Bäche wurden zu reißenden Strömen. Wir standen als Kinder keine 10 m vom reißenden „Strom“ entfernt und sahen, wie ein Haus Stück für Stück fortgespült wurde. Die überaus akute Wohnungsnot wurde so noch weiter verschärft.

Dass unsere Familie diese Hungerszeit noch gut überlebt hatte, verdanken wir dem Beruf meines Vaters. Er, der von 1939 bis 1945 Soldat war, verabredete sich im Winter 1945 mit einem Kameraden: „Wir schlagen uns in die Heimat durch!“ Die Rote Armee hatte ihre Einheit völlig aufgerieben, jetzt befanden sie sich hinter der Front. Zuerst mussten sie die russisch-deutsche Front überwinden und dann die deutsch-amerikanische, um sich nach Mitteldeutschland durchzuschlagen. Was mir aus den Erzählungen meines Vaters in Erinnerung geblieben ist, war, dass er mehr Angst vor den deutschen Feldjägern und SS-Patrouillen hatte, als vor Russen und Amerikanern. Würden die ihn gefangen nehmen, wäre er zwar ein Kriegsgefangener – aber am Leben. Feldjäger und SS fragten nicht lange. Ein Soldat ohne Waffe, auf der Flucht? Standrechtliche Erschießung! Tausende und Abertausende deutsche Soldaten starben so den „Heldentod“.

Mein Vater schaffte es kurz vor Kriegende, uns zu finden. Mitteldeutschland war bereits von den Amerikanern besetzt. Der alte Bürgermeister war durch die amerikanische Kommandantur abgesetzt worden, ein neuer Bürgermeister durch die Amerikaner eingesetzt. Und dieser Bürgermeister schrieb auf einem karierten Blatt mit Kopierstift, dass mein Vater niemals Soldat war. Und dies auf Deutsch und Englisch. Das Gemeindesiegel, auf dem das Hakenkreuz herausgeschnitten war, diente als amtliche Beglaubigung.

Diese Lüge rettete unsere ganze Familie. Mein Vater war von Beruf Müller und er fand sehr schnell eine Arbeit. Ein Teil seines Lohnes wurde in Naturalien ausgezahlt. Meine Mutter nähte aus Stoffresten kleine Säckchen. Mit diesen Mehlsäckchen wurde bezahlt. Schuhe reparieren – ein kleines Säckchen. Tägliche Milch beim Bauern – ein etwas größeres. Brot beim Bäcker – ein halber Zentner-Sack. Und dann führte der Bäcker Buch und bald hieß es: „Das Mehl ist verbraucht!“

 Und zuhause, wenn nichts zu Essen da war, Milch und Mehl hatte meine Mutter, um eine große Familie durch die Hungerjahre zu bringen. Jeden Abend gab es Mehlsuppe (gekochte Milch mit Wasser verdünnt) und darin schwammen Mehlklößchen. Warme Milch mit gekochten Mehlklößchen – brrr! Schon, wenn ich daran denke, wird mir schlecht. Was half da heulen, trotzen, maulen – unerbittlich hieß es nur: „Erst wenn der Teller leer ist, stehst du auf!“

Hunger tut weh, sehr weh! Es gibt keine Statistik darüber, wie  viele Menschen in diesen Hungerjahren ums Leben gekommen sind.

 

4.      Woran ich mich noch erinnere

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Da wäre noch die Schulzeit zu nennen. Auf dem Gruppenbild der 1. Klasse zähle ich 56 Schüler. Noch fehlte auf dem Schulbild etwas, was später den Schulbesuch „versüßte“ – ein großer Korb mit frischen Brötchen.  Da die Volksgesundheit in dieser schweren Zeit miserabel war, beschloss die DDR-Regierung, dass alle Kinder in der Schule ein großes Brötchen – ein 10-Pfennig-Brötchen kostenlos erhielten. Wenn die Brötchen schon vor der 1. großen Pause geliefert wurden, dann stand der Brötchenkorb hinten auf einem Stuhl. Der Geruch zog durch das Klassenzimmer, der Magen knurrte, der Duft vernebelte das Gehirn – endlich! Große Pause! So etwas prägt! Noch heute liebe ich ofenfrische Brötchen.

Da wir praktisch mit Nichts in Mitteldeutschland angekommen waren, sah unsere Wohnung sehr spartanisch aus. In Leipzig war damals einer der größten Schwarzmarkt-Handelsplätze. Von einem befreundeten Bauern borgte mein Vater sich Pferde und Wagen. Mit aufgespartem Mehl sollte wenigsten ein Schlafzimmer eingetauscht werden. Schwarzmarkthandel war illegal, aber alle handelten, denn jeder wollte überleben. Wenn diese Fahrt nach Leipzig – es waren rund 45 km – schief ging, waren Pferde und Wagen weg, das vom Munde abgesparte Mehl - und Vater und Großvater saßen im Gefängnis. Der ganze Tag war hektisch. Die Unruhe meiner Mutter übertrug sich auf die Kinder. Auch durften wir aufbleiben und warteten und warteten. Ich bin eingeschlafen und wurde erst geweckt, als vor der Tür ein lautes „Brrr!“ ertönte. Der Morgen graute schon und alle räumten in Windeseile den Wagen leer. Es waren alte gebrauchte Möbel, aber für uns waren es Schätze.

Mein Vater hatte sehr geschickte Hände. Alles, was man selbst herstellen konnte, wurde selbst gemacht. Unsere Latschen waren aus einem zerschlissenen Soldatenmantel gefertigt, meine Weihnachtsgeschenke waren selbst gebastelt. Schuhe waren knapp und ungeheuer teuer; Holzschuhe waren der große Renner. Alle trugen Holzschuhe. Was glauben Sie, wie es sich anhörte, wenn tausend Kinderfüße mit Holzschuhen bestückt, die hölzernen Schultreppen zum Tönen bringen?! Man verstand das eigene Wort nicht mehr.

Und meine neuen Holzschuhe, die Vater immer spät am Abend aus Pappelholz schnitzte, sollten beim ersten Schnee eingeweiht werden. Ein Berghang, kleines Granitpflaster und 2 cm Schnee – was für ein Wintervergnügen! Die Schusselbahn war spiegelglatt! Glücklich kam ich nach Hause. Als meine Mutter meine neuen Holzschuhe sah, erstarrte sie vor Schreck. Die ehemals mindestens 3 cm dicken Holzsohlen waren auf einem ½ cm geschrumpft. Das Schusselverbot musste ich einhalten. Wie sollte ich denn sonst im Winter ohne Schuhe zur Schule kommen.

Im Sommer ging man nur barfuß. Ab dem 1. Mai trug man keine Schuhe mehr. Bis auf das häufige lästige Füßewaschen war barfuß laufen eigentlich sehr praktisch. Nur im Spätsommer, zur Getreideernte  da trugen nur die Härtesten keine Schuhe. Die Getreidestoppeln pikten und zerstachen die Füße. Aber Ährenlesen war Pflicht. Nur so konnte man zusätzlich Nahrungsmittel gewinnen. Allerdings musste man warten, bis der Bauer das Feld zum Lesen freigegeben hatte. Und oftmals blieb der mitgenommene Getreidesack nur halb voll oder gar leer. Denn mit dem Zug kamen die Großstädter, denn die hatten auch Hunger.

Mein Großvater zog dem Getreidelesen eine andere Arbeit vor. Er besorgte sich ein Frettchen und ging mit ihm auf Hamsterjagd. Das kleine Raubtier wurde in den Bau gelassen und dann musste man nur aufpassen, aus welchem Lochausgang der Hamster kam. Das aufgespannte Netzt fing zwar meistens den Hamster auf, aber ein Hamster ist ein sehr wehrhaftes Tier. Meine Aufgabe war es, dann zu schreien: „Hier Opa! Hier!“

War der Hamster gefangen, wurde der Bau ausgegraben. Bis zu einem Zentner Getreide konnte man aus solch einem Bau holen. Übrigens schmeckt Hamsterfleisch - knusprig gebraten - bedeutend besser als Mehlklößchen.

Barfuß ging man bis zum ersten Frost. Im Oktober stand das Kartoffellesen auf der Liste der Freizeitbeschäftigung – meistens auch noch barfüßig. Im November nach den ersten Frostnächten ging es an die Zuckerrübenernte. Da erinnere ich mich an eine Episode:

Unsere Familie half dem befreundeten Bauern bei der Ernte. Meine älteren Schwestern, meine Mutter und die Bäuerin sammelten die herausgepflügten Zuckerrüben auf, das Kraut wurde abgeschnitten, die Zuckerrübe in einen Korb gelegt und der volle Korb vom Bauern in den Wagen entleert. Vor dem Wagen war ein Ochse gespannt und Herr über den Ochsen war ich. Vorbildlich gehorchte mir das Tier und so sparte der Bauer eine Arbeitskraft ein und ich hatte äußerst schöne Glücksgefühle. „Bubi“, sagte der Bauer, „fahr den Wagen zum Gehöft!“ Der „Bubi“ war ich, der Wagen war so voll, dass schon einige Rüben wieder runter fielen. Meine Mutter das hören und … Der Bauer meinte nur schüchtern: „War ja nur ein Vorschlag.“

Man muss wissen, dass das Feld auf der Höhe lag und das Gehöft unten im Tal. 12 % Gefälle!

Ich verstand damals meine Mutter nicht. Der Ochse gehorchte mir, ich wusste, wie ich die Bremsen bedienen musste, wusste, wie ich das Radeisen anlegen oder das Rad mit der Eisenstange blockieren musste – und immerhin war ich schon 6 Jahre alt und Schüler der ersten Klasse!

Meine Mutter schickte mich nach Hause – ohne Ochsengespann. Der Bauer winkte mich zu sich und steckte mir einen Geldschein zu. „Für deine Arbeit!“ Ein überaus glücklicher Sechsjähriger hüpfte nach Hause. Zu Hause wurden meine Schwestern zu Furien, hatten sie doch für ihre schwere körperliche Arbeit nur die Hälfte meines Arbeitslohnes bekommen. Allerdings waren wir alle vier uns einig - als unsere Mutter uns das selbst verdiente Geld mit der Bemerkung „Ihr braucht alle neue Winterschuhe!“ abnahm -, dass dies sehr ungerecht sei.

Im November/Dezember roch es in unserer kleinen Stadt jeden Abend nach süßem Sirup. Mit einfachster Technik wurde aus Zuckerrüben heimlich zuckersüßer Sirup gekocht. Das war streng verboten, aber fast alle kochten Sirup. Der Polizist hatte in diesen Nächten keine Zeit, die Sirupbrenner zu verhaften, kochte er doch selber. Schließlich hatte er auch eine Familie durch den Winter zu bringen. Und Sirupplätzchen als süßes Weihnachtsgebäck schmeckten herrlich.

 

Epilog

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Wann endete eigentlich die Nachkriegszeit? Darüber sind sich die Historiker uneins. Die Gründung der beiden Staaten? Zu kurz wäre diese Zeitspanne von 1945 bis1949. Aufbau der Bundeswehr und der Volksarmee? Vielleicht. Wahrscheinlich war es ein fließender Prozess. Mit dem Wiederaufbau der Wirtschaft verbesserten sich auch die Lebensverhältnisse der Menschen – hüben wie drüben. Aber der Krieg blieb in den Köpfen der Menschen und bestimmte auch ihr Handeln – und dies nun entsprechend der Zugehörigkeit zum entsprechenden Machtblock.

 

Zum Abschluss meiner persönlichen Erinnerungen noch eine Episode. Ich weiß nicht mehr, wann es war, aber ich weiß noch sehr genau, wie ein blutroter Himmel die Menschen in der Nachkriegszeit erschreckte und verschreckte. Solch blutrote Himmel sah man, wenn im Krieg die großen Städte oder Industrieanlagen brannten.

Ich kam mit meiner Mutter nach Hause. Aus dem Nichts färbte sich der Himmel blutrot. Die Menschen stürzten aus den Häusern und starrten auf das Himmelsschauspiel.

„Scheißkrieg! Ohne mich!“, schrie der Holzbein-Mann und schlug krachend die Tür hinter sich zu. Meine Mutter hielt meine Hand so fest, dass diese mir schon wehtat. Ich blickte zu ihr auf und sah, wie sie weinte. „Nie wieder Krieg! Nie wieder!“ Sie flüsterte dies, aber ich verstand sie. An diesem frühen Abend sah ich viele ängstliche Gesichter und viele nachdenkliche Erwachsene.

Das prägte genauso wie unser Zeichenunterricht. Seit der 1. Klasse gab es immer wieder die Vorgabe, auf Bildern Krieg und Frieden darzustellen. Brennende Häuser, Flugzeuge, die Bomben warfen, Panzer, Menschen, die versuchten, sich zu retten. Die Farbe „rot“ dominierte diese Bilder. Der Frieden hatte viel „blau“ und „gelb“ - für einen blauen Himmel und Sonnenschein. Häuser, Blumen, spielende Kinder und schöne Schulen – Frieden ist so einfach, wenn man ihn malen kann! Und über der Zeichnung prangte in dicken Buchstaben:

 

                             „Nie wieder Krieg!“